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Aus der Region

Wozu ist ein Priester da?

Zum Weltgebetstag für geistliche Berufe: Fragen an Regens Wolfgang Ipolt (Erfurt)

Regens Wolfgang Ipolt Der 7. Mai ist der Weltgebetstag für geistliche Berufe. Der Tag des Herrn sprach aus diesem Anlass mit dem Regens des Erfurter Priesterseminars, Wolfgang Ipolt.

Herr Regens, die Zahl der Priesteramtskandidaten im Erfurter Seminar ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Wie ist zurzeit die Situation?

    Insgesamt gibt es in Erfurt 33 Priesteramtskandidaten. 16 davon sind im Alumnat. Das sind diejenigen, die das fünfjährige Theologiestudium absolvieren. Und 17 sind in dem sich anschließenden zweijährigen Pastoralseminar. Die Zahlen sind tatsächlich deutlich kleiner geworden. Bezogen auf die Katholikenzahlen und verglichen mit anderen Seminaren in Deutschland, sind sie aber gar nicht so schlecht. Zum Ende der DDR-Zeit lag die Katholikenzahl in unserer Region etwa bei einer Million. Heute sind es vielleicht 750 000 bis 800 000. In den letzten 15 Jahren sind unsere Gemeinden deutlich kleiner geworden, vor allem durch den Wegzug Richtung Westen. Außerdem haben die Familien weniger Kinder. Ich sehe dennoch für die Priesterausbildung keinen Grund zum Jammern. Einen echten Mangel an Priestern haben wir im Verhältnis zu anderen Gegenden der Welt nicht.

Bei der Entscheidung junger Männer, den Priesterberuf zu ergreifen, spielt ja oft die Pfarrgemeinde eine wichtige Rolle. Was kann eine Gemeinde für den Priesternachwuchs tun?

    Die Gemeinden müssen das Eigentliche, das Wesentliche am priesterlichen Dienst wieder entdecken. Wenn ich mit unseren Studenten sprechen, höre ich manchmal eine Angst vor den vielerlei Erwartungen der Gemeindglieder an einen Priester heraus. Der Pfarrer soll bauen können. Er muss die Gruppen und Kreise unterhalten. Er soll schöne Gemeindefeste organisieren und dieses und jenes tun. Aber das Eigentliche, das, wozu einer die Priesterweihe empfangen hat – das wird oft zu wenig gefordert. Und vielleicht schreckt diese falsche oder verschobene Erwartungshaltung manchen jungen Menschen zurück.

Welche berechtigten Erwartungen kann eine Gemeinde denn an einen Priester haben? Wozu ist ein Priester da?

    Auf diese Frage möchte ich drei Antworten geben. Zuerst ist der Priester dazu da, zum Gebet und zur Feier des Gottesdienstes anzuleiten. Der Priesterberuf hat ja mit Gott zu tun. Der Priester muss deshalb selbst von Gott her leben und andere Menschen mit ihm in Berührung bringen. Das ist seine ureigene Aufgabe.
    Als Zweites muss der Priester Gott und seine Ansichten ins Gespräch bringen. Damit ist das große Feld der Verkündigung gemeint: Predigt, Religionsunterricht, Beichtgespräch ... Der Priester muss Gottes Botschaft profiliert verkünden. Damit wird er sich nicht immer bei allen beliebt machen. Aber Verkündigung ist seine Aufgabe, und die Gemeinde sollte das von ihm einfordern. Übrigens gilt das auch, wenn ein Priester beispielsweise zu einer Familienfeier nach einer Taufe oder Hochzeit oder in einen anderen Kreis eingeladen wird. Hier ist er nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern Verkünder der Botschaft Gottes.
    Und drittens: Ein Priester ist ein Mensch der Einheit. Er muss Menschen verbinden, Gemeinde bauen, Gemeinschaft stärken und gegebenenfalls auch die extremen Positionen zusammenbringen. Bei einer christlichen Gemeinde geht es ja nicht darum, dass Menschen zusammenkommen, die sich von Natur aus mögen, sondern sie sind Brüder und Schwestern, weil sie getauft sind. Der Priester muss Vermittler und Helfer sein, dass die Gemeinde beieinander bleibt.

Vor allem durch die Zusammenlegung von Pfarrgemeinden wachsen Organisationsund Managementaufgaben für einen Pfarrer. Müssen die Gemeinden lernen, ihren Pfarrer davon zu entlasten, damit er für seinen Dienst freier wird?

    Ich denke, einiges ist da von beiden Seiten zu lernen. In der Ausbildung versuchen wir die künftigen Priester darauf vorzubereiten, die Leitungsaufgabe, die Hirtenaufgabe in einer Pfarrei übernehmen zu können. Damit er diese Aufgabe wirklich erfüllen kann, braucht er sicher Entlastung auf anderen Feldern. Und da gibt es bestimmt noch eine Menge Möglichkeiten, wo die Gemeinde helfen kann.

Ist angesichts dieser Veränderungen das Priesterseminar noch eine zeitgemäße Ausbildungsform?

    Ich meine – und da bin ich mir mit meinen Regentenkollegen in Deutschland einig: Das Priesterseminar ist auch heute der geeignete Ort, an dem sich junge Menschen auf diesen Beruf vorbereiten können. Dass die Seminare dabei nicht alles leisten können, ist seit längerer Zeit bekannt. Deshalb sind in die Ausbildung ja zahlreiche Praktika eingestreut, damit die Priesteramtskandidaten nicht den Bodenkontakt verlieren. Wenn ich aber an die vorhin beschriebenen drei Aufgaben eines Priesters denke, dann ist das Seminar als geschützter Ort eine gute Voraussetzung, damit zum Beispiel Gebetserfahrungen wachsen können. Und das Gespräch unter den Priesteramtskandidaten ist eine Möglichkeit, das Sprechen über den Glauben und die Sprache des Glaubens einzuüben. Ein Priesterseminar ist Gemeinde in einem besonderen Sinn und darum auch ein Erprobungsfeld für die Einheit in der Vielfalt.

Ein Thema, das im Zusammenhang mit dem Priesternachwuchs ja immer wieder für Diskussionen sorgt, ist der Zölibat. Auch in unseren Gemeinden wird dieses Zeichen teilweise nicht mehr verstanden...

    Ob man den Zölibat versteht und wie man darüber spricht, hängt damit zusammen, wie man über Ehe und Familie denkt und spricht. Wenn es eine Krise der Ehe und Familie gibt, dann wird auch der Zölibat nicht verstanden. Der erste Schritt muss also sein, dass in unseren Gemeinden gut von Ehe und Familie gedacht und gesprochen wird. Ein zweiter Schritt sollte wohl auch ein gediegenes Wissen in der Gemeinde darüber sein, was denn der Sinn der zölibatären Lebensform ist. Das kann durch die Verkündigung oder in Glaubenskreisen und Bibelgesprächen wachsen. Der Weltgebetstag für geistliche Berufe wäre dafür eine gute Gelegenheit. Hier könnte wieder einmal deutlich gemacht werden: Der tiefste Sinn eines priesterlichen Lebens besteht darin zu zeigen, hier lebt ein Mensch ganz von Christus her. Bis in die Lebensform hinein bindet er sich an ihn. Diese Christusbindung ist das Entscheidende und nicht zuerst praktische Gründe nach dem Motto, dass ein Priester mehr Zeit für seine Gemeinde hat, weil er sich nicht um Frau und Kinder kümmern muss.

Welche Aktivitäten wünschen Sie sich für den Weltgebetstag um geistliche Berufe in den Pfarrgemeinden?

    Zuerst wünsche ich mir, dass der Pfarrer eine entsprechende Predigt hält. Themen könnten sein: Wozu ist eigentlich ein Priester da? Oder: Wie können junge Menschen heute entdecken, wozu Sie berufen sind? Dann wünsche ich mir natürlich das fürbittende Gebet in diesem Anliegen. Und ich könnte mir auch einen Gesprächskreis vorstellen, bei dem die aktiven Mitglieder einer Gemeinde, der Pfarrgemeinderat beispielsweise, einmal überlegen, wie ernst sie den Dienst ihres Pfarrers nehmen: Fordern wir ihn bei den Aufgaben, für die er geweiht ist? Oder wollen wir immer die falschen Dinge von ihm?

Neben all diesen Aktivitäten kommt es letztlich darauf an, dass der junge Mensch seine Berufung entdeckt. Welche Hilfen gibt es dafür?

    Eine Möglichkeit, dieser Frage nachzugehen sind entsprechende Besinnungstage, die in den Jugendhäusern unserer Bistümer angeboten werden. Außerdem gibt es in jedem Bistum einen Priester, der für die Berufungspastoral zuständig ist. In manchen Diözesen gibt es auch ein "Jahr der Berufung". Junge Leute sind dabei eingeladen, sich auf einen Weg einzulassen, auf dem sie vielleicht entdecken können, ob für sie ein geistlicher Beruf in Frage kommt. Eine gute Möglichkeit sind auch "Exerzitien im Alltag". Hier können jungen Menschen einmal der Frage nachgehen: Bin ich für einen solchen Beruf geeignet und ist das etwas für mich? Wichtig auf dem Weg ist auch immer ein guter Gesprächspartner. Das muss nicht unbedingt ein Priester sein. Auch eine Ordensschwester oder jemand, von dem ich denke, dass er entsprechende Erfahrung hat und mich ein Stück auf dem Weg begleiten und die richtigen Fragen stellen kann, können das.

Fragen: Matthias Holluba



Informationen
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 18 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 04.05.2006

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