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Bistum Magdeburg

Mensch schon vor der Geburt

Podiumsdiskussion zu Spätabbrüchen eröffnete Woche für das Leben

Magdeburg - "Menschsein beginnt vor der Geburt" ist in diesem Jahr die Woche für das Leben überschrieben. In Magdeburg fand dazu am 28. April eine Auftaktveranstaltung zum Thema "Spätabbrüche - eine umstrittene Praxis" statt. Eingeladen hatten Institutionen beider Kirchen.

Der Fall des kleinen Tim aus Oldenburg brachte 1997 die Praxis der Spätabbrüche in die Öffentlichkeit und beschäftigt diese bis heute. Tims Mutter war im sechsten Monat schwanger, als bei ihrem ungeborenen Kind das Down- Syndrom diagnostiziert wurde. In der 25. Schwangerschaftswoche sollte das Kind abgetrieben werden. Der Schwangeren war nach ihrem Wunsch und unter Berücksichtigung ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse nach ärztlicher Erkenntnis nicht zumutbar, das Kind auszutragen. Die Abtreibung missglückte und der Junge kam lebend zur Welt. In Erwartung seines Todes wurde er mehrere Stunden nicht medizinisch versorgt. Durch die Umstände seiner Geburt erlitt er weitere schwerwiegende Schädigungen. Der Arzt wurde im Nachhinein wegen unterlassener Hilfeleistung nach der Abtreibung zu einer Geldstrafe verurteilt. Der schwer behinderte Tim lebt heute bei Pflegeeltern.

Spätabbrüche: medizinische und ethische Sicht

Obwohl vom Gesetzgeber legitimiert, sind Spätabbrüche umstritten und bis heute Gegenstand ethischer, medizinischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Diskussionen. Etwa 200 bis 800 Spätabtreibungen werden jährlich in der Bundesrepublik durchgeführt. Spätabbruch bedeutet, dass ein lebensfähiges Kind, bei dem etwa durch eine vorgeburtliche Diagnostik eine geistige oder körperliche Behinderung festgestellt wurde, jenseits der 22. Schwangerschaftswoche und bis vor der Geburt unter bestimmten Voraussetzungen im Mutterleib getötet werden kann. Bei Spätabtreibungen muss das abgetötete Kind anders ab bei Frühabbrüchen auf natürlichem Weg geboren werden. Ein Prozess, der wie jede andere Geburt auch mehrere Tage dauern kann.

Im Rahmen der diesjährigen Woche für das Leben, die unter dem Motto "Menschsein beginnt vor der Geburt" steht, hatten die Stiftung Netzwerk Leben, der Familienbund in Sachsen-Anhalt, die Evangelische Erwachsenenbildung und die Diakonie Mitteldeutschland zu einer Podiumsdiskussion in das Magdeburger Roncalli- Haus eingeladen. Rund 45 Teilnehmer, darunter Ärzte, Hebammen und Vertreter von Behindertenverbänden, verfolgten die Auftaktveranstaltung zum Thema "Spätabbrüche – eine umstrittene Praxis", zu dem aus medizinischer Sicht Professor Wolfgang Weise von der Universität Magdeburg und aus ethischer Sicht Professor Josef Römelt von der Universität Erfurt diskutierten.

Spätabbrüche belasten alle Beteiligten

In seinem Statement hob Professor Weise hervor, dass sich Ärzte in einer "schizoiden Situation" befänden. "Auf der einen Seite sind wir durch den Eid des Hippokrates dazu verpflichtet, Leben zu retten. Auf der anderen Seite hat der Gesetzgeber uns etwa durch die Reform des § 218 Strafgesetzbuch lebensentscheidende Eingriffsmöglichkeiten gegeben, wie etwa die Tötung eines Kindes im Mutterleib." Durch die Änderung des so genannten Abtreibungsparagraphen sei die Abtötung eines Kindes im Mutterleib theoretisch bis kurz vor der Geburt möglich. Der Gynäkologe kritisierte das Fehlen einer gesellschaftlichen Normethik, an deren Stelle eine Gesinnungs- und Verantwortungsethik getreten sei. Diese orientiere sich daran, nur sich selbst und keinem anderen verantwortlich zu sein und finde ihren Ausdruck in Sätzen wie "Mein Bauch gehört mir".

Dass die späten Schwangerschaftsabbrüche alle Beteiligten schwer belasten: die schwangeren Frauen, ihre Familien, die Ärzte und Hebammen, hob der Erfurter Moraltheologe in seinem Statement hervor. Dennoch gebe es keinen leichten Ausweg aus den Konflikten. Dazu führte Professor Römelt aus: "Ärztliche Kompetenz versucht die Verantwortung bei der pränatalen Diagnostik und bei der Begleitung der Schwangeren auf möglichst umfassende fachliche Urteilskraft zu gründen. Recht und Politik setzen auf eine kluge und menschliche Anwendung der bisher gefundenen Lösung der Gesetzgebung." Die theologische Ethik würdige die moralische Sensibilität, die hinter diesen Suchbewegungen stehe. Sie dränge nicht, sie verurteile nicht, sondern suche nach Möglichkeiten für ein Leben mit dem Kind.

Mehr Offenheit, Wahrheit und Mut

Im Umgang mit Spätabbrüchen forderte der katholische Moraltheologe mehr Offenheit, Wahrheit und Mut. "Ärzte sollten den Mut haben, das Personenstandsgesetz nicht zu übergehen, nach dem sie für Kinder mit einem Gewicht über 500 Gramm einen Totenschein ausstellen müssen. Sie sollten die Indikation sorgfältig und ohne Zeitdruck stellen." Die Vorgaben des Personenstandsgesetzes machten deutlich, dass es um einen wirklichen Menschen mit eigenen Rechten gehe. "Frauen, die vor der Entscheidung stehen oder sich für einen Spätabbruch entscheiden, brauchen eine umfassende Beratung. Ihnen sollte Mut gemacht werden, ihre Entscheidung auszuhalten." Dazu gehöre, ihnen die Möglichkeit zu geben, von ihrem toten Kind Abschied zu nehmen. "Eltern sollte Mut gemacht werden, sich für ein Leben mit einem behinderten Kind zu entscheiden." Dies, so Römelt, hänge vom Maß menschlicher und materieller Solidarität ab, denn ein behindertes Kind sei nicht nur Sache der Eltern.

"Als Christen sollten wir Mut haben zu erzählen, wie wir Glauben erleben angesichts existenzieller Krisen." Selbst ein kurzes, wenn auch geschädigtes Leben sei wertvoll und lebenswert.

Akzeptanz behinderter Menschen

In der anschließenden Diskussion ging es etwa um die Verantwortung von Pränataldiagnostikern und die Frage, wie viel vorgeburtliche Diagnostik gut sei. Ernst Fukala, Vorsitzender der Ethikkommission der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, der durch den Abend führte, betonte, wie wichtig die vorgeburtliche Diagnostik sei, da sie zur Früherkennung und -behandlung führe. Dabei wandte er jedoch ein, dass Diagnostiker deutlich machen müssten, was am Ende einer Pränataldiagnostik stehen könne und was diese für Konsequenzen mit sich bringe.

Übereinstimmend forderten die Teilnehmer eine weitere gesellschaftliche Akzeptanz behinderter Menschen. Das Aufzeigen von Unterstützungsmöglichkeiten für Familien mit behinderten Kindern sowie eine umfassende sozialpädagogische und psychosoziale Beratung, die auch die Nachbetreuung der Frauen einschließe, die sich zu einem Abbruch entschieden haben, seien wichtig. Die Aufklärung müsse bereits in den Arztpraxen stattfinden und nicht erst in der Klinik, in der der Abbruch vorgenommen werde.

"Es gibt nicht die eine Lösung", fasste Fukala den Themenabend zusammen und appellierte an die Teilnehmer, die Diskussion in der Gesellschaft wachzuhalten, diese in die Gesellschaft hineinzutragen auch zu denen, die es nicht hören wollen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 18 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 04.05.2006

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