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Zum Weltgebetstag für geistliche Berufe

Priesterausbildung in Erfurt

Die meisten der Seminaristen versammeln sich wochentäglich um 12.45 Uhr in der Kapelle des Priesterseminars, um einen Moment innezuhalten und das Mittagsgebet der Kirche, die Sext, zu beten. Foto: Eckhard Pohl Erfurt - Derzeit bereiten sich 16 junge Theologiestudenten als Alumnen des Erfurter Priesterseminars auf den Priesterberuf vor. Weitere 17 Männer befinden sich in der pastoralen Ausbildung, dem sogenannten Pastoralkurs, und stehen vor der Diakonen- beziehungsweise Priesterweihe.

Es herrscht Stille in der Kapelle des Priesterseminars. Einige der versammelten Priesterkandidaten und Diakonatsanwärter knien – ins Gebet versunken – in den Bänken. Andere sitzen und genießen einfach die Ruhe. Dann beginnen alle gemeinsam mit dem Mittagsgebet der Kirche, der Sext, und sprechen im Wechsel Psalmvers um Psalmvers.

Zurzeit ist die Seminargemeinschaft vergleichsweise groß. Denn neben den 16 Theologiestudenten aus vier Studienjahren, die Priester werden wollen, sind derzeit auch die beiden Pastoralkurse I und II im Seminar, also jene Männer, die bereits ihr Studium abgeschlossen haben und sich nun in weiteren zwei Jahren direkt auf die Priesterweihe vorbereiten. Die Männer kommen aus den Diözesen Berlin, Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg.

Umfangreiches geistliches Programm

Unter denen, die sich zum Mittagsgebet eingefunden haben, sind auch Christian Kobert und Daniel Pomm aus dem zehnten Semester. Für sie sind diese zehn Minuten so etwas wie eine Zäsur des Tages. Wie hieß es doch gerade im Psalm beim Mittagsgebet: "Ich überdenke meinen Weg, zu Deinen Vorschriften lenk ich meinen Fuß ..." Beide haben den Tag heute um 7 Uhr hier in der Kapelle mit den Laudes, dem Morgengebet der Kirche begonnen, an den anderen Tagen der Woche bildet die Eucharistiefeier den Auftakt. Alle sind zudem angehalten, schon vor der Messe – oder wer damit besser zurechtkommt – im Laufe des Tages eine Zeit der persönlichen Schriftlesung und Betrachtung zu halten. "Die geistliche Ausbildung spielt im Seminar natürlich eine wichtige Rolle", sagt Daniel Pomm.

Vormittags ist in der Regel Vorlesung in der fünf Minuten vom Seminar entfernten Fakultät. Christian Kobert und Daniel Pomm waren heute jedoch nicht dort. "Wir bereiten uns auf unseren Diplom-Abschluss im Sommer vor", sagt der 25-jährige Kobert. Entsprechend hat der Oscherslebener an seiner Diplom-Arbeit über Formen außerkirchlicher Religiosität gearbeitet. "Ich bin jetzt dabei, die Interviews, die ich zum Beispiel mit Passanten auf dem Domplatz zu meinem Thema geführt habe, auszuwerten", erzählt Kobert. Der 28-jährige Daniel Pomm aus Plauen hingegen hat seine alttestamentliche Diplomarbeit "Die Ehe Jahwes als Metapher" bereits fertig und heute vormittag für eine Prüfung zum Eherecht gelernt. Vorlesungen haben die beiden Priesteramtskandidaten erst morgen wieder.

Studium und praktische Erfahrungen in Gemeinden

"Neben dem Studium und dem geistlichen Programm sammeln wir in unserer Ausbildung auch schon praktische Erfahrungen", erzählt Kobert. "In zehn Tagen zum Beispiel fahren wir Magdeburger Seminaristen gemeinsam mit den Laienstudenten aus unserem Bistum zu einem Gemeindewochenende nach Köthen – Gelegenheit, mit Gemeindemitgliedern in Kontakt zu kommen, die seelsorgliche Situation kennenzulernen, den Sonntagsgottesdienst mitzugestalten … " Einmal in jedem Semester fahren die Priesterkandidaten als Seminargemeinschaft zudem auch sonntags in eine Gemeinde im Umland von Erfurt. Und im RKW-, Jugend- und Gemeindepraktikum sammelt jeder für sich während der Ausbildung persönliche Erfahrungen.

"Im dritten Semester werden wir mit dem Lektorat, das heißt dem Dienst der Wortverkündigung betraut, im neunten Semester übernehmen wir die Aufgabe des Akolythen, also den Dienst der Kommunionspendung", sagt Daniel Pomm. "Dazu gehört dann auch, alten Menschen die Krankenkommunion zu bringen."

"Warum die Zahl der Seminaristen in den letzten Jahren so zurückgegangen ist?" Für Kobert spielt neben anderen Faktoren dabei eine Rolle, dass junge Menschen heute oft Angst haben, sich fest zu binden. Zudem seien nicht wenige Eltern dagegen, wenn ihr Kind einen geistlichen Beruf ergreifen will. Und da es immer weniger Priester gibt, fehle es auch an Vorbildern...

Nach Einschätzung der beiden Alumnen gibt es im Laufe der Ausbildung genügend Möglichkeiten und entsprechende Begleitung um herauszufinden, ob man den richtigen Weg eingeschlagen hat. "Jeder von uns sucht sich einen geistlichen Begleiter, mit dem man alles besprechen kann", sagt Kobert. "Im fünften und sechsten Semester wechseln wir an eine andere Hochschule in einer anderen Stadt", ergänzt Pomm. "Ich habe in der Zeit in Würzburg in einer ganz normalen WG (Wohngemeinschaft) gelebt."

"Im Seminar wird großer Wert darauf gelegt, dass wir unser Leben bewusst gestalten und ihm auch im Alltag eine bestimmte Prägung geben", fügt Kobert hinzu. Im Blick auf das Leben im Zölibat habe es in ihrer Seminarzeit unter anderem zwei theologische Arbeitswochenenden zum Thema "Integrierte Sexualität" gegeben. Die Frage werde zudem im Pastoralkurs thematisiert. "Und die Praktika seien eine gute Gelegenheit, zu schauen, ob der Priesterberuf das Richtige für einen ist", so Pomm.

Gemeinschaft auch in der Freizeit

Heute ist nach dem Mittagessen Kurssprecher- oder -Seniorenrunde, wie es hier im Seminar heißt. Am späteren Nachmittag wird Pomm als studentische Hilfskraft dann Texte kopieren und sich so ein paar Euro verdienen. Christian Kobert wird unterdessen zum Uni- Campus fahren, Bücher abgeben und Formalitäten für die Prüfung erledigen. Um 18 Uhr versammeln sich dann alle zur Abendmesse in der Hauskapelle. Danach wird Abendessen sein. "Und zu späterer Stunde", so Christian Kobert, "werden wir wohl noch bei einem Bier zusammensitzen."



Informationen

Mehr Infos unter: www.priesterseminar-erfurt.de


Hintergrund - Liturgische Ordnung im Seminar

Mit Ausnahme des Mittwochs ist werktags um 6.45 Uhr heilige Messe. Mittwochs ist Abendmesse der Hausgemeinschaft. Freitags hält einer der Alumnen die Statio, also eine kurze Ansprache zu Lesung und Evangelium oder auch zum Tages-Heiligen. Dreimal pro Semester sind alle Lehrenden und Studierenden der Theologischen Fakultät zur gemeinsamen Fachschaftsmesse eingeladen. Sonntags werden um 8 Uhr die Laudes gebetet. Eucharistie wird dann an unterschiedlichen Orten gefeiert.

Zur liturgischen Ordung einer Woche gehört zum Beispiel aber auch ein geistlicher Abend mit einem Impuls, der Möglichkeit zur eucharistischen Anbetung und der gemeinsamen Komplet. An einem weiteren Abend treffen sich die Seminaristen in ihren Schriftkreisen zum Bibelgespräch. Hinzu kommen die mit einer Andacht verbundenen geistlichen Puncta (Impulse, Überlegungen) das Regens.

An drei Wochenenden im Semester finden im Seminar Einkehrtage statt. (ep)

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 18 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 04.05.2006

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