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Anstoß

"Es ist Mai, und ich bin blind!"

Die Natur kann live erlebt werden

Pater Damian Meyer

"Es ist Mai, und ich bin blind!" Auf dem Campus einer amerikanischen Universität hatte sich ein Bettler auf den Rasen gesetzt. Ein paar Meter von ihm war ein großes Blumenbeet, und die Blüten verschiedener Bäume strömten einen betörenden Duft aus. Der Bettler gehörte zu den stillen Typen. Er saß schweigend da und hatte vor sich ein Plakat, auf dem stand: "Es ist Mai, und ich bin blind!" Es wird berichtet, dass viele der vorbeigehenden Studenten ihm eine Münze in den Hut legten. Sie waren gerührt von seiner Klage. Im Mai entfaltet das Leben seine ganze Pracht und Schönheit. Wer an einem schönen Maientag offenen Auges durch die Natur geht, macht staunenswerte Entdeckungen. Für den gläubigen Menschen ist die Schönheit der Ordnung in den geschaffenen Dingen ein Abbild der Schönheit des Schöpfers. Im Schöpfungsbericht der Bibel wird immer wiederholt: "Gott sah, dass es gut war." Das "gut" kann man auch als "schön" verstehen.

Die Frage ist: Nehmen nicht viele von uns die Schönheit des Frühlings gar nicht mehr bewusst wahr? Sind wir da nicht bedauernswerter als der blinde Bettler auf dem Campus? Der Bettler konnte wenigstens die sanfte Frühlingsluft spüren, den Gesang der Vögel hören und den Duft der Blüten aufnehmen. Ich habe einmal einen Kuckuck beobachtet, der auf einer Fernsehantenne saß und – war es spöttisch? – seinen Ruf erschallen ließ. Vielleicht wollte er sagen: "Ihr Leute, wenn ihr nur auf den Bildschirm eures Fernsehers oder Computers schaut, vermisst ihr das Drama der Natur auf der Bühne des Lebens. Ihr könnt es live aus der ersten Reihe erleben, wenn ihr mit offenen Sinnen durch Wald und Feld geht."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 17 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 27.04.2006

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