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Bistum Magdeburg

Zahl der sozial Benachteiligten wächst

Ein Gespräch mit der Leiterin der Ökumenischen Bahnhofsmission Magdeburg

Seit 15 Jahren Leiterin der Ökumenischen Bahnhofsmission in Magdeburg: Adelheid Bornholdt. Magdeburg - An diesem Samstag findet der deutschlandweite Tag der Bahnhofsmission statt. Auch die Bahnhofsmissionen in Dessau, Halle und Magdeburg beteiligen sich mit Aktionen daran. Ein Gespräch mit der Leiterin der Ökumenischen Bahnhofsmission Magdeburg, Adelheid Bornholdt.

Frau Bornholdt, beim Stichwort Bahnhofsmission denkt man an Reisende. Aber die sind ja nur ein Teil Ihrer Klienten ...

    Stimmt. Von den zirka 24 500 Betreuungen, die wir 2005 geleistet haben, waren mehr als die Hälfte nicht Reisende, sondern Menschen in Not aus Magdeburg und der Region. Der Anteil dieser Besucher ist 2005 erheblich gestiegen. Und die Zahl der Betreuungen insgesamt: Hatten wir 2004 und auch in den Jahren davor rund 17 000 Hilfeleistungen, waren es 2005 mehr als 40 Prozent mehr.

Am 1. Januar 2005 wurde das Arbeitslosengeld II eingeführt. Gibt es da Zusammenhänge?

    Eindeutig. Mit Einführung des Alg II haben eine ganze Reihe von Menschen nicht selten einige hundert Euro weniger zur Verfügung, auch wenn sie Miete und Heizkosten bezahlt bekommen. Sie können nicht mehr wie bisher – qualitativ normal – am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Das fängt beim Geld für die Klassenfahrt der Kinder an und reicht bis zum Kino- Besuch. Es geht dabei nicht um gehobene oder überzogene Ansprüche. Ein Teil der Menschen, die von dieser Situation betroffen sind, sucht bei uns und anderswo Hilfe, Menschen, die ich in meiner 15-jährigen Tätigkeit hier früher nie gesehen habe.

Das Arbeitslosengeld II hat also Armut zur Folge, die Sie spüren?

    Tatsache ist, dass eine Reihe von Menschen erheblich weniger Geld zur Verfügung hat und Probleme, mit dieser Situation zurechtzukommen, zumal vieles schrittweise teurer wird. Menschen, die in einem sehr einfachen sozialen Milieu, die mit schweren Krankheiten oder zum Beispiel als allein stehende Mütter mit Kindern leben, sind besonders betroffen. Und es ist zu einfach zu sagen: Die sind selbst schuld.. Ein erheblicher Teil der Betroffenen, die uns hier begegnen, ist verärgert darüber, keinen Arbeitsplatz zu finden. Ein Teil reagiert aggressiv darauf, ein anderer resigniert bis hin zu geäußerten Suizidabsichten. Eine negative, hoffnungslose Stimmung macht sich immer mehr breit. Und für Menschen, die in solcher Situation alkoholkrank werden, ist es fast unmöglich, aus ihrer Notlage wieder herauszukommen.

Was erwarten die Menschen von der Bahnhofsmission?

    Sie nehmen gern einen Imbiss an. Aber auch die Sehnsucht nach menschlichem Kontakt spielt eine große Rolle. Und die Erfahrung, dass wir ihnen wirklich zuhören. Da entsteht ein gewisses Vertrauensverhältnis. Manche unserer Besucher sind aufgrund ihrer Biografie lebensuntüchtig. Sie sind und bleiben auf Hilfe angewiesen. Hier ist die Gesellschaft, sind Caritas und Diakonie gefordert. Glaube und Nächstenliebe gehören unbedingt zusammen. Dass auch unsere Besucher so empfinden, zeigt sich daran, dass ein Teil von ihnen regelmäßig an unseren ökumenischen Andachten teilnimmt, die 14-täglich stattfinden. Unsere Mitarbeiter beginnen jeden Tag mit einem spirituellen Impuls.

Wie steht es um die finanzielle Absicherung Ihrer Arbeit?

    Unsere Einrichtung wird komplementär finanziert. Die Mittel kommen vom Land, der Kommune und vom Träger, also Caritas und Diakonie. Solange die Beteiligten ihren Anteil beisteuern, kann die Arbeit abgesichert werden. Lebensmittel- und Textilsspenden kommen von den Kirchengemeinden. Ein Teil unserer Mitarbeiter wird über Fördermaßnahmen finanziert. 40 Prozent unserer Dienstgemeinschaft sind Ehrenamtliche. Dabei machen wir auch mit Mitarbeitern, die einen Ein- Euro-Job haben, überwiegend sehr gute Erfahrungen. Einige von ihnen sagen: Aus meiner eigenen Notlage heraus kann ich verstehen, wie es unseren Besuchern geht. Deshalb versuche ich, ihnen nach Kräften zu helfen.

Fragen: Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 21.04.2006

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