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Der Seelsorge an Singles fehlt es oft an pastoralen Konzepten

Görlitz - Vor allem in den deutschen Großstädten nehmen sie rasant zu: Die Zahl der so genannten Single-Haushalte – mit Auswirkungen auf die christlichen Gemeinden.

"Die Ehepaare gehen zum Familienkreis, die jungen Leute in die Jugendstunde, die Senioren zum Altennachmittag. Unser einer hat kein Platz, wo er sein Haupt hinlegen kann". Was ein 45-jähriger Jurist, der nicht bei seinem Namen genannt werden will, etwas scherzhaft formuliert, ist durchaus ernst gemeint. In seiner Kirchgemeinde scheint für ihn einfach kein Platz zu sein. "Das einzige wäre noch der Chor. Aber ich kann nun mal nicht singen."

So wie ihm ergeht es inzwischen immer mehr Christen, ob katholisch oder evangelisch. Während die Seelsorge für Kinder oder Familien in den meisten Gemeinden funktioniert, bleiben die Alleinstehenden oft außen vor. Erschwert wird dies zudem, wenn sie neu in einer Kirchgemeinde sind. "Ehepaare mit kleinen Kindern finden oft durch Kindergärten, Familienoder Mütterkreise schneller in eine Gemeinde", ist die Erfahrung von Dr. Alfred Hoffmann, Pfarrer in der Görlitzer Heilig-Kreuz-Gemeinde und Leiter des Seelsorgeamtes im Bistum Görlitz. "Für Alleinstehende ist das weitaus schwieriger."

Alleinstehende sind oft schwer zu binden

Hoffmann gibt zu, dass die Seelsorge für Singles schwierig ist. "Singles schätzen meist ihre Freiheit und lassen sich oft schwer binden", meint der Domkapitular. In seiner Gemeinde seien sie trotzdem in den Ehe- und Familienkreisen herzlich willkommen.

Beim näheren Hinsehen sieht das Angebot für Alleinstehende in den Gemeinden, aber vor allem in den kirchlichen Bildungshäusern, gar nicht so schlecht aus. Es gibt funktionierende Gruppen, in denen sich junge Erwachsene, die noch nicht verheiratet sind, selbst organisieren. Überregionale Kurse stehen den Singles wie den Familien genauso offen. Bildungsveranstaltungen werden von beiden Gruppen gleich gut besucht.

Guido Erbrich, Referent im Bischof- Benno-Haus in Schmochtitz und Initiator des Projektes "25 plus", das sich sowohl an Familien wie an Alleinstehende gleichermaßen richtet, wünscht sich trotzdem eine "stärkere Wahrnehmung des Phänomens in den Gemeinden".

Auch für diejenigen, die heiraten und eine Familie gründen wollen, verschiebe sich heute alles "um mindestens zehn Jahre", ist die Erfahrung des Theologen. Seelsorge an Singles habe deshalb etwas mit den unterschiedlichen "Alterstrukturen" dieser Gruppen zu tun, für die es verstärkt pastorale Angebote geben müsse. Die Gemeinden müssten sich zudem mit dem Gedanken vertraut machen, dass es auch in der Kirche in Zukunft andere, weniger traditionelle Lebensformen geben wird. "Wichtig ist, dass sich die Menschen ernst genommen und angenommen fühlen", so Erbrich. Die unterschiedlichsten Gruppen könnten sich gut ergänzen und ihre Stärken gegenseitig nutzen.

Familie wird ihre Bedeutung nicht verlieren

Dass die Seelsorge an Singles bisher nicht im Vordergrund stand, ist auch dem Erfurter Theologen Josef Römelt bewusst. "Auf der anderen Seite glaube ich nicht, dass sie, wenn sie wollen, in der Kirche keine Heimat finden: Gottesdienste und auch ehrenamtliches Engagement stehen ihnen offen", so Römelt. Singles hätten mehr Zeit, da sie weniger in eine Familie eingebunden seien. Ob eine stärkere Werbung für Familien allerdings dem Trend zum Alleinleben aufhalten würde, möchte Römelt nicht beurteilen. "Ich glaube aber, dass schon aus demographischen Gründen die Familie ihre Bedeutung nie verlieren wird".



Hintergrund - Der Wandel der Familie

In der Sozialforschung besteht ein allgemeiner Konsens darüber, dass sich die Familie im Wandel befindet. Als sichtbarste Veränderungen von Ehe und Familie gelten die steigenden Scheidungszahlen, der Rückgang von Eheschließungen sowie der dramatische Geburtenrückgang seit Mitte der sechziger Jahre. Schließlich wird der Wandel auch an der Zunahme nicht familiärer Haushalte fest gemacht.

Dazu werden kinderlose Ehepaare, nicht eheliche Lebensgemeinschaften, Wohngemeinschaften und Einpersonenhaushalte gezählt. Das traditionelle Familienmodell dominiert aber nach wie vor. Während unter Soziologen Einigkeit darüber zu bestehen scheint, dass sich familiäre Lebensformen und die Bedeutung der Familie im Lebenslauf der Menschen verändern, wird das Ausmaß und die gesellschaftliche Bedeutung dieses Wandels sehr unterschiedlich eingeschätzt. Teilweise wird sogar recht heftig um die Frage gestritten, wie tiefgreifend oder langfristig der Wandel ist. Manche gehen davon aus, dass sich gegenwärtig eine strukturelle Veränderung der traditionellen Familie vollzieht – vor allem des patriarchalen Geschlechterverhältnisses und des Generationenverhältnisses. Andere beschreiben die Veränderungen als vereinzelt und vorübergehend, weil sie nur innerhalb einzelner gesellschaftlicher Schichten stattfinden. Klar ist jedoch, dass die Familie weiterhin als zentrale Institution der Gesellschaft gilt und dass das, was in, mit und um die Familie herum geschieht, als bedeutungsvoll für die weitere gesellschaftliche Entwicklung eingeschätzt wird.

Dies hat zur Folge, dass die wissenschaftliche Debatte – mehr als das bei manch anderem Thema der Fall ist – nicht nur für sich genommen gesellschaftspolitisch aufgeladen ist, sondern überhaupt stark beeinflusst ist von den politischen und medialen Diskussionen über den Zustand der Familie. Wenn die Zukunft der Familie in den Blick kommt, wird deutlich, dass sowohl die Politik als auch die Wirtschaft die Veränderungen der familialen Lebensformen und Geschlechterverhältnisse nicht länger ignorieren können, wenn es zu einer Veränderung der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und der Ermöglichung des existierenden Kinderwunsches kommen soll.

Vor allem geht es aber darum, die Rahmenbedingungen für Familien zu verbessern und die Begründungsmechanismen für das Leben mit Kindern zu überprüfen. Kinder allein als Bedienstete für zukünftige Rentengenerationen in die Welt zu setzen, dürfte heute für junge Leute nicht ausreichen, sich für eine Familie zu entscheiden.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 21.04.2006

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