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Aus der Region

Eine Frage der Vollkommenheit

Der Hallenser Psychotherapeut Johannes Piskorz über den Umgang mit dem eigenen Tod

Dr. Johannes Piskorz (Halle)

Zu Ostern gedenken die Christen des Todes und der Auferstehung Jesu. In der modernen Gesellschaft gehört der eigene Tod zu den verdrängten Themen.

Der Tag des Herrn sprach mit Dr. Johannes Piskorz, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle. Er hatte das diesjährige interdisziplinäre Kolloquium im Rahmen der Reihe "Hallenser Gespräche zu Psychotherapie, Religion und Naturwissenschaften" unter das Thema "Der Psychotherapeut, sein Patient und der Tod" gestellt. Die Reihe wird zusammen mit der katholischen Akademie des Bistums Magdeburg veranstaltet.

Herr Dr. Piskorz, der Tod gehört hierzulande zu den verdrängten Themen, so haben Sie es in der Einladung zu Ihrem Kolloquium formuliert. Ich vermute, dass es aus psychotherapeutischer Sicht für den Menschen nicht gut ist, wenn er die Frage nach dem eigenen Tod verdrängt ...

    Ja, das belegen viele Erfahrungen. Aber hier müssen wir auch differenzieren. Es kann im Leben Situationen geben, in denen es nicht gut ist, ständig nur die Möglichkeit des nahen Todes ins Auge zu fassen. Wenn sich jemand – zum Beispiel im Rahmen eines schweren Unfalls – in einer lebensbedrohlichen Krise befi ndet, dann kann es wichtig sein, dass er sich vor allem mit der Frage nach dem Leben, nach dem Überleben beschäftigt. Hoffnung auf das Leben kann hier eine Hilfe zur Heilung sein.

Nun sind solche Krisen ja die Ausnahme. Welchen Vorteil habe ich aber, wenn ich mich im normalen Alltag mit meinem eigenen Tod auseinandersetze?

    Welchen Vorteil haben Sie denn davon, wenn Sie atmen? Sagen Sie sich doch einfach mal, ich versuche es ohne Atmen ... Das Wort Vorteil scheint mir hier nicht angebracht. Das ist zu mechanistisch gedacht. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod ist keine Frage des Vorteils, sondern eine Frage der Vollkommenheit. Es gehört zum Mensch-Sein, dass ich mich nicht einfach von der Tatsache des Todes freikaufen kann. Wir würden das Leben nicht voll leben und – in der umfassenden Bedeutung des Wortes – auch nicht voll genießen können, wenn wir nicht um unsere Begrenztheit wüssten. Die Frage heißt also: Gestalte ich mein Leben mit der Perspektive meines Todes oder nicht?

Der Mensch hat zwei Möglichkeiten, mit dem eigenen Tod umzugehen. Entweder ist der Tod für ihn etwas Absurdes, das alle seine Möglichkeiten zunichte macht. Oder er glaubt als religiöser Mensch in irgendeiner Form an ein Weiterleben. Ist es für den Umgang mit dem eigenen Tod hilfreich, religiös zu sein?

    Ihre Frage enthält wieder eine Formulierung, die ich so nicht verwenden möchte. Ich kann ja nicht sagen, ich lebe als gläubiger Mensch, weil das für mich hilfreicher im Umgang mit dem eigenen Tod ist. Der Glaube ist ja kein ausschließlicher Willensakt. Ich kann mich nicht einfach mal so für den religiösen Glauben entscheiden, weil es zum Beispiel gesünder ist. Glaube ist ja letztlich auch ein Geschenk. Für den Glaubenden ist es mit Sicherheit ein tröstender Umstand, dass Gott da ist. Dabei spielt dann aber auch die konkrete Vorstellung von Gott eine Rolle: Ist er für mich ein Gott der Rache, oder ist er ein Gott der Liebe? Problematisch wird es, wenn ich mir mein Gottesbild so zurechtzimmere, dass es für mich möglichst tröstlich ist. Nun haben Sie auch nach denen gefragt, die "religiös unmusikalisch" sind: Sie werden sicherlich ein solches tröstendes Moment in ihrem Leben nicht haben.

In Ihrer Einladung sprachen Sie davon, dass der Tod eine gemeinsame Herausforderung für die ganze Gesellschaft ist. Stattdessen aber wird der Einzelne in der Regel damit allein gelassen. Ist das eine Tendenz, die sich verstärkt, oder gibt es gegenläufige Entwicklungen?

    Ich beobachte momentan beides. Allerdings ist das wie bei einer Schere, die sich öffnet. Die Entwicklungen driften auseinander. In der Frage der Trauerrituale beispielsweise hat sich – unabhängig davon, ob jemand ein religiöser Mensch ist oder nicht – in den letzten 20 Jahren ein starker Wandel vollzogen. Das ist zum Beispiel deutlich abzulesen an der Trauerkleidung – nicht nur bei der Beerdigung, sondern auch über diesen Tag hinaus. Das Trauerbändchen, das einst der Witwer einige Monate oder ein Jahr am Revers seiner Jacke trug, kennen viele heute gar nicht mehr. Die Form der Verbundenheit, die sich über die Kleidung ausdrückt, ist am Verschwinden. Das bedeutet aber eben auch, dass der Trauernde nicht mehr automatisch erkannt werden und zum Beispiel von seiner Umgebung behutsamer behandelt werden kann, als es sonst der Alltag erlaubt.
    Eine ganz andere Entwicklung – vielleicht ein Ansatz zu Hoffnung – zeigt sich im Umgang mit dem Tod zwischen Arzt und Patient. Viele Ärzte, vor allem jüngere, versuchen, eine viel offenere Sprache darüber zu fi nden. Statt die so genannte Lüge am Krankenbett zu benutzen, geht es heute um Aufklärung auch angesichts eines nach menschlichen Ermessen zu erwartenden Todes. Freilich darf im Gegenzug die Offenheit auch nicht unbarmherzig werden, wenn ein Patient zum Beispiel gar nicht in der Lage ist, eine solche Nachricht gefühlsmäßig aufzunehmen und ich ihn als Arzt damit überfordere. Auch angesichts eines nach menschlichem Ermessen zu erwartenden Todes kann es zum einen ja immer auch einen anderen Ausgang geben und zum anderen steht dem Patienten die Entscheidung (ob ausgesprochen oder durch sein Verhalten verdeutlicht) darüber zu, welche Formen der Bewältigung eines solchen Lebensabschnitts – von weitgehender Offenheit bis zu weitgehender Verleugnung – er für sich wählt.

Fragen: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 15 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 14.04.2006

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