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Aus der Region

Caritas setzt Zeichen für DDR-Unrechtsopfer

Interview mit dem stellvertretenden Schweriner Caritasdirektor Storrer

Der Deutsche Caritasverband startet im November unter Federführung der Caritas Mecklenburg eine Weiterbildung zur psychosozialen Beratung für den Umgang mit DDR-Unrecht. An der Ausbildung, die fünf Wochenendkurse umfasst, können Seelsorger, Psychologen und Sozialpädagogen teilnehmen. Über das Thema sprach der Tag des Herrn mit dem stellvertretenden Schweriner Caritasdirektor Hartmut Storrer.

Frage: Ausbildung zur psychosozialen Beratung für den Umgang mit DDR-Unrecht - wa-rum machen Sie jetzt, fast zwölf Jahre nach der Wende dieses Angebot?

Storrer: Nach der Wende sind entsprechende Beratungen von verschiedenen Initiativen angeboten worden, etwa von den Opferverbänden, bei der Gauck-Behörde oder den Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Diese Angebote sind häufig als Projekt finanziell gefördert worden. Viele dieser Förderungen sind ausgelaufen, so dass es heute nur noch sehr wenige spezielle Stellen gibt, die eine solche Beratung anbieten. Das Thema aber ist in all den Jahren nicht zur Ruhe gekommen.

Frage: Warum ist eine spezielle Beratung für den Umgang mit DDR-Unrecht nötig?

Storrer: Die Anregung kam von der deutschen Kommission Justitia et Pax, die sich seit mehreren Jahren mit den Auswirkungen der DDR-Diktatur beschäftigt. Hier hat sich gezeigt, dass ein solches Beratungsangebot dringend notwendig ist. Ein Indiz dafür sind auch die jährlichen Berichte der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, in denen diese immer wieder ausführlich auf diese Notwendigkeit hinweisen.

Als Caritas wollen wir mit dem Beratungsangebot ein Zeichen setzen: Auch über ein Jahrzehnt nach Ende der DDR gibt es Menschen, die noch immer oder durch neue Erkenntnisse erst jetzt so sehr unter dem DDR-System leiden, dass sie dieses Leid nicht aus eigener Kraft überwinden können. Belastend kommt hinzu, dass die ehemaligen Träger des DDR-Systems - um sie nicht alle Täter zu nennen - jetzt aus ihren Löchern gekrochen kommen und in öffentliche Ämter streben. In einer solchen Situation ist unser Zeichen sehr wichtig: Die Caritas und die anderen Einrichtungen, die eine solche Beratung anbieten, zeigen, dass das erlittene Unrecht nicht vergessen ist.

Frage: Warum ist für diese Beratung eine spezielle Ausbildung erforderlich?

Storrer: Aufrichtiger Umgang mit der Wirklichkeit, zu der auch die eigene historische Realität gehört, verlangt eine angemessene Auseinandersetzung. Wenn wir uns bemühen wollen, das Unrecht zu bewältigen, das durch das Wirken des DDR-Machtapparates vielen Menschen zugefügt wurde, gehört dazu auch eine spezielle psychosoziale Beratung. In zahlreichen Fällen hat dieses Unrecht zu Traumatisierungen geführt, die lange Zeit, vielleicht sogar ein Leben lang beeinträchtigend wirken. Unsere Beratung will die vielfältigen Formen des Unrechts, die seelischen Verletzungen und gestörten Beziehungen zu verstehen und heilend zu verändern suchen.

Natürlich werden Traumatisierungen auch in anderen Zusammenhängen behandelt, etwa wenn es um Gewalt in der Familie oder sexuellen Missbrauch geht. Aber die Verletzungen, die ihre Ursache im Wirken des DDR-Machtapparates haben, sind eine besondere Herausforderung. So wie beispielsweise für den Umgang mit sexuellem Missbrauch braucht es auch hierfür eine Zusatzqualifikation.

Frage: Wann sollte ein Betroffener eine solche Beratung in Anspruch nehmen?

Storrer: Das ist schwierig zu sagen, weil es sich ja um ganz individuelle Erfahrungen handelt. Generell gilt aber: Wenn die Vergangenheit meinem jetzigen Leben im Wege steht, wenn sie mich hindert, beruflich oder privat das zu tun, was ich jetzt tun möchte, wenn sie mich bremst und blockiert, wenn sie mich traurig macht, dann ist professionelle Beratung dringend angezeigt. Ein Betroffener kann in diesem Fall davon ausgehen, dass eine Traumatisierung vorliegt. Hier kann eine Beratung wirkliche Erleichterung bringen. Wer - trotz der Belastungen aus der Vergangenheit - seinen Lebensalltag relativ unbeschwert und unbehindert praktizieren kann, bei dem wird zwar die Vergangenheit Narben und Schmerzen hinterlassen, aber er braucht nicht unbedingt professionelle Hilfe.

Frage: Wo finden Rat Suchende diese speziellen Beratungsangebote?

Storrer: Die einzelnen Stellen werden auf geeignete Weise auf ihre Angebot hinweisen. Über entsprechende Informationen verfügen auch die Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, die ostdeutschen Caritasverbände und der Beauftragte der evangelischen Kirche in Deutschland für Seelsorge und Beratung für Opfer der SED-Kirchenpolitik.

Frage: Sie wollen ein Zeichen für die Opfer setzen. Wohin können sich aber Täter von damals wenden, wenn sie Hilfe brauchen?

Storrer: Die ausdrückliche und größere Zielgruppe sind sicher die Opfer. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch die so genannten Täter, wenn sie unter ihrer Situation leiden, diese Beratung aufsuchen. Wenn jemand in seinem Gewissen etwas verspürt, was ihn belastet und wo-runter er leidet, ist er als Rat Suchender herzlich willkommen. Die neueren Erfahrungen lassen eine solche Hoffnung aber kaum zu. Die Träger des DDR-Systems kommen heute selbstverständlich und dreist wieder in die Öffentlichkeit und haben ihre Vergangenheit inzwischen ganz anders bewältigt, als die meisten, die leidend davon betroffen sind.

Fragen: Matthias Holluba

Info: Caritas Schwerin, Tel. (03 85) 59 17 90; Anmeldeschluss: 31. August.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 32 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 09.08.2001

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