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Anstoß

Schweigende Fahrgäste

Straßenbahnfahren ist nie langweilig

Pater Damian Meyer

Wer die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt, findet sich meistens allein unter schweigenden Fahrgästen. Der aus Wurzen stammende Dichter Joachim Ringelnatz hat diese Erfahrung in ein kurzes Gedicht gefasst: "Die Fremden, mit denen ich fahre, / Gezwungen einander gesellt / Aus jedem Augenpaare / träumt eine andere Welt. // Doch wie ich mich allen verbinde / In schweigender Rätselei, / Irr ich vielleicht. Doch ich finde: / Man wird versöhnend dabei."

Mich sprechen diese einfachen Zeilen an, weil sie das Echo meiner eigenen Erfahrung sind. In der Straßenbahn schaue ich die Menschen an und versuche, mich hineinzudenken in ihr Leben, ihre Freuden und Sorgen. Die einfach gekleidete ältere Frau hat ein verhärmtes Gesicht: Was mag sie alles an Leid erlebt haben? Ist sie oder war sie verheiratet? Hat sie Kontakt zu ihren erwachsenen Kindern? Muss sie mit einer sehr schmalen Rente auskommen? Woran denkt sie? Wovon träumt sie?

Ich lasse meiner Phantasie freien Lauf und kann in meiner Einschätzung natürlich völlig fehlgehen. Weiter hinten sehe ich einen jungen Mann mit einem gelösten Ausdruck und der Andeutung eines Lächelns: Hat er etwas Schönes erlebt? Ist er in seiner Firma befördert worden? Trifft er sich mit seiner Freundin? Dann ist dort der Teenager mit dem missmutigen Gesicht. Wahrscheinlich ein Schüler: Hat er schlechte Noten bekommen, eine Klassenarbeit versaut, ist er von seinen Klassenkameraden aus irgendeinem Grund ausgelacht worden? "Aus jedem Augenpaare träumt eine andere Welt." Wenn ich versuche, mich hinzudenken und hineinzufühlen in diese fremden Welten, ist das mehr als ein Spiel. Es ist eine Vorübung für ein Gespräch – was leider sehr selten mit diesen Fahrgästen stattfindet – , bei dem ich durch intensives Zuhören und Fragen viel mehr von der Lebensgeschichte eines Menschen erfahre. Entscheidend ist bei diesem Beobachten, dass ich "versöhnend" werde. Ich versuche, all diese Menschen in ihrer Eigenart anzunehmen, Achtung vor ihnen und ihrer Lebensgeschichte und ihrer derzeitigen Situation zu haben. Das gelingt mir besser, wenn ich im Gebet mit Gott über sie spreche. Ich bitte, dass diese Menschen in irgendeiner guten Begegnung Liebe erfahren, eine Ahnung von Gottes Liebe zu ihnen erspüren; dass sie die Hoffnung auf Glück und Erfüllung nicht aufgeben; dass sie Kraft gewinnen, ihr Leben zu ertragen und Sinn darin finden. Auf diese Weise ist eine Straßenbahnfahrt für mich nie langweilig.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 13 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 30.03.2006

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