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Bistum Görlitz

Kleine Kreuze aus Palmengrün

Wie man in Indien die Fastenzeit und das Osterfest begeht

Pfarrer Thomas Olickal, rechts mit dem Bischof bei einem Afrikatag in Cottbus, erzählt Fastenbräuche aus seiner Heimat. Foto: Andreas Schuppert Cottbus - Andere Völker, andere Sitten. Der Cottbuser Studentenpfarrer Thomas Olickal über die Fasten- und Osterbräuche in seiner indischen Heimat.

"Meine Heimatregion Kerala ist zu 25 Prozent katholisch. Dort wird die Fastenzeit ganz bewusst als innere Vorbereitung auf Ostern gelebt", erzählt Pfarrer Thomas, wie er in Cottbus oft genannt wird. In den 24 Bistümern in Kerala sind drei unterschiedliche Riten zugelassen. Bei zwei von ihnen beginnt die Fastenzeit bereits am Montag vor dem Aschermittwoch, wenn in Deutschland noch Fasching gefeiert wird. Die Fastenzeit beginnt mit der Austeilung des Aschekreuzes, die Christen in Indien enthalten sich jeglicher Fleischspeise.

Werktagsgottesdienste gehören dazu

Der Besuch einer Werktagsmesse und der Kreuzwegandachten gehört für die meisten selbstverständlich dazu. Viele Gemeinden halten dreitägige Exerzitien im Alltag. Vorträge, Predigten, Meditationen und Andachten bestimmen diese Tage, die mit dem Empfang des Bußsakramentes enden. Der Palmsonntagsgottesdienst wird wie hierzulande mit der Palmenprozession eingeleitet, jedoch mit "richtigen Palmenzweigen".

Als besondere Symbolik stellen die Familien aus dem Palmengrün kleine Kreuze her. Den Abendmahlsgottesdienst am Gründonnerstag feiert man am Vormittag. Das Allerheiligste bleibt zur Anbetung ausgesetzt, tagüber wechseln sich die einzelnen Familienmitglieder ab und gehen zur Anbetung. "Ich erinnere mich noch recht lebhaft", erzählt Pfarrer Thomas Olickal, "dass Mutter uns Kinder abwechselnd in die Kirche schickte."

Am Nachmittag werden in den Familien ungesäuerte Brote gebacken. In den Abendstunden besuchen sich Verwandte und Nachbarfamilien und brechen miteinander das mit den Palmenkreuzen verzierte Brot. Man zieht von Haus zu Haus, singt Lieder und trägt Teile der Passionsgeschichte in Gedichtform vor. Dieses Ritual dauert oft bis drei oder vier Uhr in der Frühe. Der Karfreitag ist in ganz Indien Feier- und Ruhetag, den auch Hindus halten. Die Karfreitagsliturgie wird am Vormittag gefeiert. Nachmittags zieht man in Prozessionen zu Kreuzwegstationen, die in der hügligen Landschaft stehen. Lachend erzählt Pfarrer Thomas Olickal, dass diese Andachten meist mit einem kräftigen, kurzen Regenguss, die in dieser Jahreszeit fast täglich auftreten, enden. Während der Karsamstag ein stiller Tag ist, beginnt der Ostersonntag gegen zwei Uhr morgens.

Die Feuerwehr leitet das Osterfest ein

Die Feuerwehr weckt dann mit viel Lärm und kleinen Osterfeuern die Bewohner der ganzen Gegend. Der Ostergottesdienst mit den bekannten Elementen wie der Weihe des Feuers, der Osterkerze, des Osterwassers, findet in der Dunkelheit statt, bereits um drei Uhr hat er begonnen. "Aber danach" erzählt Pfarrer Thomas Olickal, "läuft alles zum Fleischer und es wird Fleisch und Wurst gekauft! Ostern ohne Fleisch ist undenkbar." Und die Tradition der Ostereier?: "Ja, vereinzelt kam so etwas in meiner Kindheit auf", erinnert sich der Pfarrer. "Aber das Wichtigste ist doch die Auferstehung des Herrn. Er hat uns durch seinen Tod befreit. Und das bleibt doch der tiefe Sinn dieser Zeit."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 13 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 30.03.2006

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