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Anstoß

Ein verrückter Gedanke

Eine Welt ohne Christentum?

Martin Weber

Liebe Leserin, lieber Leser, sie werden jetzt sicher etwas verdutzt auf die Überschrift dieses Artikels geschaut haben. Als Christ muss Ihnen diese Frage schlichtweg absurd vorkommen! Nun kann man nüchtern feststellen, dass viele Zeitgenossen, besonders in unserem Teil Deutschlands, in ihrer "kleinen" Welt ohne christlichen Glauben leben, teilweise sogar schon über Generationen, und damit scheinbar ganz gut "über die Runden" kommen. Es gibt aber auch Christen, die zumindest in schweren Situationen ihres Lebens so manches Mal meinen, die Welt würde ohne das Christentum auch nicht viel erlöster aussehen.

Einer von diesen christlichen Zweiflern war mein Freund Josef, der ziemlich genau vor zwei Jahren verstarb. Und schon lange bevor mein Freund von einer schweren Krankheit niedergerungen wurde, haben wir über religiöse Fragen tiefschürfende Gespräche geführt. Mein Freund sagte dann zum Beispiel, ein Glaubender besitze nicht einfach auf alle existentiellen Fragen fertige Antworten, oder er sprach davon, dass der Zweifel oft ein Helfer des Glaubens sein könnte, um die Christen vor zu viel Selbstsicherheit zu bewahren. Meistens lag er mit seinen Bemerkungen goldrichtig, die immer viel mit seinen Lebenserfahrungen zu tun hatten. Aber eine Welt ganz ohne Christentum konnte er sich dann doch nicht vorstellen.

Nun hat vor einigen Jahren der ehemalige bayerische Kultusminister und spätere Professor Hans Maier ein lesenswertes Büchlein veröffentlicht, das den Titel "Welt ohne Christentum - was wäre anders?" trägt. Hans Maier, selbst Katholik, setzt in diesem Buch den Fall voraus, es hätte das Christentum nie gegeben, und fragt dann weiter, wie unsere Welt dann aussähe. An verschiedenen Beispielen wie Menschenbild, Arbeit und Künsten will er die Spuren des Christentums in der Geschichte verfolgen. Besonders Maiers Gedanken zum (christlichen) Menschenbild haben es mir angetan. Denn hier ist ein Gedanke besonders bemerkenswert: So genannte einfache Menschen kommen in den Evangelien nicht nur vor, sie spielen sogar eine beherrschende Rolle. Man könnte auch sagen, dass Gott sich gerade die kleinen Leute auserwählt, dass Arme, Kranke, Besessene, Hässliche und Niedrige zu den Adressaten der frohen Botschaft gehören.

Das christliche Menschenbild war zu Jesu Zeiten revolutionär – vergleichen wir dies mit dem Bild vom Menschen, das die Griechen entwarfen: Da ist dann viel von Vollkommenheit die Rede. Heute ist dieses Bild vom scheinbar perfekten Menschen eines der Leitbilder der westlichen Gesellschaften: Oft scheint nur der gesunde und gut aussehende Mensch im Mittelpunkt zu stehen. Im Christentum wird der Mensch auf neue Weise gesehen: Er muss sich seiner Schwächen und Unzulänglichkeiten nicht schämen.

Das Christentum bleibt für uns Christen Maß aller Dinge. Es ist auch für unsere Zeit unverzichtbar! Wir haben eher ein Zuwenig an Christentum in unserer Gesellschaft als ein Zuviel. Und wo das Christentum nicht mehr vorkommt, sehen wir die Ersatzgötter wie Fernsehen, Medikamente und Konsum, um nur einige zu nennen, auf die Bühne treten. Mit all diesen Ersatzformen verdrängen die Menschen dann auch die Fragen, auf die das Christentum eine ernst zu nehmende Antwort gibt. Es gilt immer noch der schöne und hellsichtige Satz des Dichters Novalis: "Wo keine Götter sind, walten Gespenster." Ein gläubiger Mensch kann sich gegen solche Gespenster wappnen. Davon bin ich fest überzeugt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 12 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 23.03.2006

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