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Bistum Görlitz

Freiheit in Verantwortung

Görlitzer Firmbewerber besuchten jüdische Kulturstätten und Denkmäler in Berlin

Das Holocaustmahnmal in Berlin-Mitte. Foto: Maria Petrauschke Görlitz/Berlin - Mit Leiderfahrungen am Beispiel der jüdischen Bevölkerung in der NS-Zeit beschäftigten sich Firmlinge aus Görlitz auf ihrer Berlinfahrt vom 3. bis 5. März.

Wie kann man glauben angesichts von Leid? Muss man vor Leiderfahrungen nicht zweifeln an der Güte Gottes? Kann Gott denn allmächtig sein, wenn er Leid zulässt? Zur Beantwortung dieser Fragen besuchten acht Firmbewerber der Görlitzer Heilig-Kreuz-Gemeinde Orte des Leides – Gedenk-, Gebets- und Kulturstätten der Juden in Berlin. Zu Gast in der Gemeinde "Maria, Hilfe der Christen" in Berlin-Spandau suchten sie in der Eröffnungsrunde am Freitagabend nach aktuellen Leidenserfahrungen in Zeitungen und versuchten diese in Kategorien einzuordnen.

Den Firmbewerbern wurde hier bewusst, wie viele Gesichter Leid haben kann und dass sich oft nicht zwischen unverschuldetem und von Menschen verursachtem Leid unterscheiden lässt. "Auf der Suche nach den Ursachen für Leid gelangten die Jugendlichen zu der Feststellung, dass Leid oft aus einem Freiheitsmissbrauch des Menschen herrührt", erinnert sich Kaplan Marko Dutzschke, der die Firmbewerber begleitete. "Gott hat uns die Freiheit geschenkt, selbst über unser Handeln zu entscheiden, daraus resultiert eine große Verantwortung", meint der Kaplan.

Führung durch das Holocaust-Mahnmal

Vor dem Schicksal der Juden wollte sich die Gruppe über die Folgen des Missbrauchs jener Freiheit bewusst werden. Dazu sammelten sie zunächst Erfahrungen über Leben und Traditionen der Juden im Jüdischen Museum. Nach einer Kuppelbesichtigung des Reichstagsgebäudes folgte ein "beeindruckender" Besuch des Holocaust-Mahnmals. "Die Führung war interessant", berichtet Clemens Jonkisch. "Bisher kannte ich nur die kalten Zahlen der ermordeten Juden. Hier aber wurde für mich das millionenfache Leid durch Einzelschicksale vorstellbar." Im Hinblick auf die Kreuzigung Jesu, der sich bis in den Tod erniedrigte und seine eigene Freiheit aufgab, bedachten die Jugendlichen beim Durchschreiten des weiten Stelenfelds des Mahnmals die Fragen: "Wie gehe ich mit der eigenen und der Freiheit anderer um und wo lasse ich meine Freiheit enden?"

Zur Auswertungsrunde am Abend hatten die Jugendlichen Kieselsteine mitgebracht, die sie tagsüber in ihren Hosentaschen trugen, als Zeichen für die Last des eigenen Leids. "Leid verlangt, dass Menschen Verantwortung für den Gebrauch der eigenen Freiheit übernehmen", war der Gedanke, der an diesem Abend die Hauptrolle spielte. So war die Fahrt für Clemens Jonkisch Anstoß, über sein eigenes Handeln und dessen Folgen stärker nachzudenken. Nach dem Besuch des jüdischen Friedhofs und der Synagoge am Sonntag endete das gemeinsame Wochenende. Die Firmbewerber haben nicht nur jüdische Kultur, sondern auch sich selbst besser kennen gelernt, freut sich Kaplan Marko Dutzschke über das entstandene Miteinander.

Gott kann im Leid erfahren werden

Auch auf die Frage, wo Gott im Leiden sei, hatten die Teilnehmer ebenfalls eine Antwort gefunden. "Am Ende der Fahrt stand die Erkenntnis, dass ich Gott im Leid erfahren kann als den, der mir und anderen Menschen beisteht. Was wir nicht an Leid ertragen können, dürfen wir Gott anvertrauen", so Kaplan Dutzschke.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 12 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 23.03.2006

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