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Bistum Magdeburg

Zeigen, dass unser Gott besser ist

Kirche in postmoderner Gesellschaft war Thema der Tagung der Ständigen Diakone der Region Ost

Magdeburg - Wie verändert sich die Gesellschaft? Was bedeutet das für die Kirche? Und vor welchen Herausforderungen steht damit der Dienst als Ständiger Diakon? Mit diesen Fragen haben sich die Ständigen Diakone der Region Ost auf ihrer Jahrestagung im Magdeburg beschäftigt.

Die katholische Kirche im deutschsprachigen Raum ist gefordert, sich neu zu profilieren. Sowohl die Volkskirche als auch die nach dem letzten Konzil entstandene Gemeindekirche werden künftig nicht mehr tragfähig sein. Davon ist die Erfurter Pastoraltheologin Maria Widl überzeugt. Vor diesem Hintergurnd diskutierte sie mit den Ständigen Diakonen aus den (Erz-)Bistümern Berlin, Dresden– Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg auf deren Jahrestagung in Magdeburg Perspektiven für ihren Dienst als Diakon. Die Herausforderung an die Kirche geht für Maria Widl in Richtung "Postmoderne". Sie werde sich als gesellschaftlichen Strömung durchsetzen und "das Denken der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts bestimmen", ist sie überzeugt.

Was ist mit Postmoderne gemeint? Maria Widl geht bei ihrer Antwort von den gesellschaftlichen Umbrüchen des letzten halben Jahrhunderts aus. Seit den 50er Jahren habe die Moderne die Gesellschaft bestimmt. Kennzeichen der Moderne seien das Streben des Menschen nach Selbstständigkeit und Individualität, eine Vielfalt von Werthaltungen, ein methodischer Atheismus und eine Faszination vom Fortschritt. Diesem Denken hat die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil entsprochen. "Dort wurde sie zu einer modernen Kirche." Der Glaube wurde in seiner Bedeutung für den Einzelnen gesehen und für das kirchliche Leben wurde die Gemeinde zu einer entscheidenden Instanz.

68er-Bewegung – die Kehrseite der Moderne

Die "Kehrseite der Moderne" habe sich in der 68er-Bewegung gezeigt. "Hier gab es keine Tabus und keine Autoritäten mehr. Alles wurde kritisiert." Es entstand eine neue Variante des Atheismus: Religion wurde zu einem Relikt aus dem Mittelalter: "Der moderne Mensch will wissen und braucht nicht zu glauben." Auch als moralische Instanz war die Kirche nicht mehr gefragt. "Was wahr, gut und gerecht ist, weiß der Mensch selbst." Die katholische Kirche reagierte mit dem Rückzug aus der Gesellschaft. Von außen wurde sie als eine Möglichkeit der Freizeitgestaltung neben anderen wahrgenommen. In diese Zeit fällt – vor allem im Westen Deutschlands – die Entstehung der "Traditionalen". Sie sehen die Rettung in der "Umkehr zum wahren Glauben und in den alten Spielregeln des Römisch-Katholischen".

Den Beginn der Postmoderne datiert Maria Widl auf den Anfang der 70er Jahre: der Ölschock und der Bericht des Club of Rome "Über die Grenzen des Wachstums" sowie später die Tschernobyl- und die Chemie-Katastrophen von Seveso und Bhopal lassen den Fortschrittsmythos brechen. Die Menschen entdecken, dass ständiger Fortschritt kein Fortschritt ist. Fortschritt müsse aus ökologischer Sicht Grenzen haben.

Das Leben des postmodernen Menschen sei vor allem durch eine Zuspitzung des Individualismus geprägt. In religiöser Hinsicht komme es zu einer Wende: Der postmoderne Mensch habe massive religiöse Sehnsüchte. "Der moderne Mensch hat so gelebt, als ob es Gott nicht gäbe. Der postmoderne Mensch merkt, wohin wir damit gekommen sind." Anzeichen für diese Entwicklung seien die vielen religiösen Themen in den Massenmedien oder Aussagen von Psychologen, die weniger mit durch falsch verstandene Religion verursachten Problemen zu tun haben, als mehr damit, dass Menschen unter einem religiösen Vakuum leben.

Fußballgott und die Religion des Geldes

Da das postmoderne Denken die nächsten Jahrzehnte bestimmen werde, müsse sich die Kirche in ihrer Pastoral darauf einrichten. So führe etwa der zugespitzte Individualismus dazu, dass der postmoderne Mensch mit dem kirchlichen Gemeindeleben kaum etwas anfangen könne. Die Kirche müsse sich auch auseinandersetzen mit der "von der globalisierten Wirtschaft machtvoll verbreiteten Religion des Geldes und des Profi tes ohne Verantwortung und Reue". Widl: "Wenn wir unter diesen Bedingungen missionarisch sein wollen, müssen wir wahrnehmen, dass die Leute alle ihre Religion haben – sei es der Fußballgott oder der Gott der Medizin. Wir müssen zeigen, dass unser Gott besser ist." Dies stelle auch den Diakonat vor neue Herausforderungen: Diakone seien gefordert, nach neuen Wegen zu suchen, die Menschen mit dem Heiligen in Berührung zu bringen oder einen alternativen Lebensstil zu fördern, der an Ehrfurcht vor der Schöpfung, Freude am Reich Gottes mitten unter uns und der Sorge um die Lebensqualität des Menschen orientiert ist."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 11 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 16.03.2006

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