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"Ich habe mich für Brücken entschieden"

Interview mit dem Görlitzer Altbischof Huhn

Altbischof Bernhard Huhn Bernhard Huhn feiert am 4. August seinen 80. Geburtstag. Sein Wirken war geprägt vom Zugehen auf andere Menschen - auf Jugendliche, auf evangelische Christen, auf die polnischen Nachbarn. Der Tag des Herrn sprach darüber mit dem Görlitzer Altbischof.
Frage: Herr Bischof, Sie hatten als Diözesanjugendseelsorger und Jugendbischof häufig Kontakt zu jungen Christen. Noch heute begleiten Sie eine Pfarrjugend auf Fahrten. Haben Jugendliche heute ein anderes Verhältnis zum Glauben als früher?
Huhn: In meiner Jugendzeit waren wir weniger kritisch als die heutige Generation. Der Glaube war damals, vor allem in einer katholischen Umgebung, eingebettet in christliche Traditionen. Heute ist der Glaube junger Menschen - besonders in der Diaspora - in einer säkularisierten, weithin atheistischen Umwelt viel früher "Wind und Wetter" ausgesetzt. Glauben heißt heute für alle Christen: sich persönlich entscheiden.
Frage: Einer Gruppe junger Menschen haben Sie sich besonders angenommen: der Priesteramtskandidaten. Wie sollte die Kirche aus Ihrer Sicht auf den gegenwärtigen Priestermangel reagieren?
Huhn: Ich glaube nicht, dass äußerliche Erleichterungen - etwa Entlastung vom Zölibat und von Gebetspflichten - eine größere Zahl von jungen Leuten zum Priesterberuf bringen würden.

Der Priestermangel lässt sich auch nicht dadurch ausgleichen, dass Laien alle Aufgaben eines Geistlichen übernehmen. Für wichtig halte ich es aber, dass die Pfarrer in der karitativen Arbeit und in der Katechese möglichst viel an Laien abgeben, um sich selbst nicht zu überfordern. Denn ein Beruf, der keine Freude mehr ausstrahlt, zieht auch nicht mehr an.

Frage: Schreckt also die große Arbeitsbelastung ab?

Huhn: Hauptsächlich sehe ich den Priestermangel als eine Folge unserer säkularisierten, atheistischen Umwelt. Es fehlt weithin der Mutterboden für Berufungen. Das kann die Familie sein, das kann eine Gemeinde sein. Deshalb halte ich die Ministranten- und die Jugendseelsorge für so entscheidend. Noch wichtiger erscheint mir das Gebet: Gott will uns Priester schicken, aber sie müssen erbetet werden.

Frage: Sie waren in der Berliner Bischofskonferenz für die Ökumene zuständig. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Huhn: Ich habe von Jugend an ökumenische Kontakte erlebt. Das begann schon in der Schule. Weil ich Theologie studieren wollte, habe ich als 15-Jähriger das Wahlfach Hebräisch gewählt - zusammen mit fünf evangelischen Schülern. Das waren alles Pastorensöhne. Wir saßen also als gemischte Gruppe einmal in der Woche beim katholischen Religionslehrer. Im Krieg war einer meiner besten Freunde ein evangelischer Theologiestudent. Als ich 1954 als Kaplan nach Görlitz kam, schloss ich mich einem ökumenischen "Una-Sancta-Kreis" an. Das war ein Kreis von evangelischen Pastoren und katholischen Priestern, die sich monatlich trafen und zum Teil feurig über Themen wie die Unauflöslichkeit der Ehe, die ökumenische Gastfreundschaft oder die Unfehlbarkeit des Papstes diskutierten. Es hat uns verbunden der gemeinsame Kampf gegen die kommunistische Ideologie.

Frage: Nicht immer gestaltet sich das Miteinander der beiden Konfessionen so einfach. Wo sehen Sie die größten Hindernisse auf dem Weg der Ökumene?

Huhn: Ich sehe zwei Hindernisse: Manchen geht es mit der Ökumene nicht schnell genug. Sie übersehen dabei leicht, was seit dem Konzil gewachsen ist, welche Möglichkeiten es für das Leben in unseren Gemeinden eröffnet. Ich denke da zum Beispiel an ökumenische Wortgottesdienste und Kontaktkreise. Wenn wir nur all das täten, was schon lange in der Kirche möglich und erwünscht ist! Anderen geht in der Ökumene alles viel zu schnell. Sie befürchten, dass unsere Kirche vorschnell gute, alte Traditionen verlässt und so die Gläubigen verunsichert.

Frage: Und für welches Tempo sind Sie?

Huhn: Ich bin für eine Ökumene, die die Wahrheit bekennt und in Geduld den Weg zum Mitbruder geht, der einen anderen Glauben hat. Mir selbst und uns allen wünsche ich, dass uns eine große Liebe zur Kirche erfüllt, die uns gelassen und fröhlich macht, auch in einer Zeit voller Bedrängnisse.

Frage: "Liebe zur Kirche": Was meinen Sie damit genau?

Huhn: "Liebe zur Kirche" ist für mich kein großes, enthusiastisches Wort, sondern eine sehr reale Sache. Dafür ein Beispiel: Auch Bischöfe sind nicht immun gegen Anfechtungen und haben gelegentlich ihre eigene Meinung. Wenn mir einmal eine Sache wenig einsichtig war, eine Anordnung von oben, ein Gebot oder Verbot, rief ich mir das bekannte Wort des Papstes Johannes XXIII. in Erinnerung: "Johannes, nimm dich nicht so wichtig!" Mein eigenes Wissen ist ja begrenzt, mein guter Wille oft mangelhaft und ichbezogen.

Darum muss ich auf die Kirche schauen. Sie lebt in der Kraft des Heiligen Geistes, den der Herr ihr verheißen hat. Die Kirche lieben, das heißt dann für mich: Ich höre auf die Kirche, wenn der Papst spricht, vereint mit den Bischöfen, im Konzil, in den Synoden, in seinen Weisungen. Hören - horchen - und gehorchen aber gehören zusammen. Eine solche Liebe zur Kirche wünsche ich mir ganz besonders für den ökumenischen Weg.

Frage: Das Bistum Görlitz grenzt an Polen. Grenzen können trennen, Brücken verbinden ...

Huhn: Ich habe mich für Brücken entschieden. Mein Nachfolger im bischöflichen Dienst, Rudolf Müller, teilt voll diese Meinung und hat die Kontakte zu den Nachbardiözesen Liegnitz (Legnica), Grünberg (Zielona Góra), Breslau (Wroclaw) und Oppeln (Opole) immer weiter ausgebaut.

Frage: Wie sehen diese Kontakte konkret aus?

Huhn: Schon lange vor der Wende fanden Gespräche mit den polnischen Nachbarbischöfen statt. Katholiken beider Länder nahmen an Wallfahrten teil. Polnische und deutsche Priester treffen sich seit langem regelmäßig. Seit etwa 25 Jahren nimmt der Görlitzer Bischof an der polnischen Fronleichnamsfeier in Zgorzelec teil, polnische Priester feiern mit uns im Görlitzer Stadtpark. Mit großer Freude schauen wir auf drei Fronleichnamsfeiern in den letzten Jahren zurück, bei denen die Prozession von einem Land über die Brücke ins andere zog. Die heilige Hedwig ist die Brückenheilige unserer Diözese. Sie wird in gleicher Weise auch von unseren polnischen Nachbarn verehrt.

Frage: Die Katholiken im Bistum Görlitz kennen Sie als humorvollen Bischof. Viele erinnern sich an Ihren Hund, der ein Stück Wurst, das vor ihm lag, nicht anrührte, wenn Sie "Karfreitag" sagten, es aber auf das Kommando "Ostern" hin sogleich fraß. Sind Sie auch heute noch zu Späßen aufgelegt?

Huhn: Ja, das bin ich. Als Wahlspruch für meinen bischöflichen Dienst habe ich mir das Wort des heiligen Paulus an die Philipper gewählt: "Freut euch im Herrn". Eigentlich wollte ich es noch kürzer haben, nur zwei Worte - "Freut euch!" - nach dem Grundsatz: "In der Kürze liegt die Würze." Als mein Vorgänger, Bischof Schaffran, davon hörte, riet er mir: "Nur ,Freut euch!'? Das klingt sehr nach Fasching. Halte dich an den heiligen Paulus: ,Freut euch im Herrn'. Dann stimmt es."

Fragen: Karin Hammermaier

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 31 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 02.08.2001

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