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Anstoß

Entspannung

Gelöster und freier leben lernen

Susanne Schneider

In letzter Zeit habe ich mit vielen Leuten zu tun gehabt, deren Rücken, Schultern und Nacken verspannt waren. Das bringt Kopfweh und Schmerzen. Manche müssen viel dafür investieren, wieder locker und einigermaßen gesund zu werden. Gründe dafür gibt es viele: zu lange am Computer gesessen, zu wenig geschlafen, zu viel gearbeitet ... Und dazu kommt die innere Anspannung: Dauernd leistungsbereit sein, sich keine Pausen gönnen, immer auf der Hut sein, ob jemand anderes besser ist. Manche haben Ängste, die ihnen die Lust am Leben nehmen. Bei vielen ist auch die Überlast ihrer Verantwortung schuld – oder die Angst vor der Überlast der Verantwortung.

Selbst im geistlichen Leben gibt es dieses Phänomen: Menschen meditieren und machen daraus einen Leistungssport. Jeden Tag erfüllen sie ihr geistliches Trainingsprogramm. Sie beurteilen sich selbst hart und unbarmherzig. Ihr Rücken ist hart wir ein Brett. Statt Vertrauen und Freiheit aus dem Gebet zu schöpfen, haken sie die abgesessene Zeit ab und erwarten von Gott dafür eine Belohnung. Solchen Menschen fehlt die innere Ausgeglichenheit. Sie lebten besser, wenn sie lockerer, entspannter und einfach freier wären.

Vielleicht ist gerade die Fastenzeit, in der wir uns um ein "weniger" bemühen, der richtige Zeitpunkt, Entspannung zu lernen: Wenn ich mir bewusst bin, dass Gott mein Leben trägt, sehe ich mein Leben nicht mehr so verkrampft. Ich lasse los und gebe die Last der Verantwortung an Gott ab. Der Glaube, dass Gott mich begleitet gibt mir Hoffnung und Zuversicht.

Dieses Loslassen kann ich einüben. Ich kann lernen, mit meiner eigenen Unvollkommenheit – und der der Umwelt – zu leben. Es muss nicht alles nach innen und außen hin perfekt sein. Natürlich sollte ein operierender Arzt sein Bestes geben und eine Erzieherin im Kinderhort alle Kinder im Blick haben. Aber es gibt auch viele Bereiche unseres Lebens, die nicht unser angestrengtes, übereifriges Sorgen verlangen: Eine Schularbeit genügt, wenn sie gut ist und das Singen macht Spaß, auch wenn ich kein Profi bin.

Einer, der das richtige Maß an Anspannung und Entspannung erst lernen musste, war Papst Johannes XXIII. Von ihm wird erzählt, dass er an den ersten Tagen seines Pontifikats unter Schlafstörungen und Stresssymptomen litt. Dann habe er sich besonnen und zu sich selbst gesagt: "Ich bin ja nur der Papst" und daraufhin sei es ihm wieder besser gegangen. Er hat sich selbst nicht wichtiger genommen als nötig und seine Verantwortung an Gott abgegeben. Er war deswegen beliebt. Die Leute haben gespürt, dass er ihnen nichts vorspielt und frei, offen und ohne falsche Hemmungen geredet und gehandelt hat.

Dass wir in der Fastenzeit immer wieder innere Entspannung finden, das wünsche ich uns.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 10 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 09.03.2006

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