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Anstoß

Ein Moslem liest aus der Bibel vor

Vorurteile sind Fertigteile

Pater Damian Meyer

"Lieben Sie die Amerikaner?" "Schwer zu sagen, aber ich liebe meinen Freund John aus Chicago." "Lieben Sie die Türken?" "Ich weiß nicht recht, aber ich kenne einen, den ich schätze und liebe, Herrn Seicuk aus Antalya." Unsere Eindrücke und unser Bild von einem fremden Land – zum Guten und zum Schlechten hin – sind stark geprägt von der Begegnung mit einzelnen Menschen. Das Kennenlernen kann unsere Vorurteile bestärken oder aber auch unser Urteil in Frage stellen und korrigieren.

Vor kurzem nahm ich an einer Studienreise zu biblischen Orten in der südwestlichen Türkei teil. Wir besuchten unter anderem die Ausgrabungen von Myra, Ephesus und das "Haus der Mutter Maria", Laodicea und Perge. Die Rundreise war ein sehr schönes und beeindruckendes Erlebnis, weil wir in Herrn Seicuk einen hervorragenden Reiseführer hatten. Von Beruf Lehrer, leitet er verschiedene Studienreisen durch die Türkei. Er hat eine gute Allgemeinbildung und kennt sich aus in der antiken Geschichte und in den Gegenwartsfragen seines Landes. Was mich – und die anderen der Teilnehmer der Reise – am meisten beeindruckt hat: Er nahm sein Neues Testament aus der Tasche und las uns die entsprechenden Stellen aus der Apostelgeschichte und der Offenbarung des Johannes vor und erläuterte sie. Das war kein auswendig gelerntes Geleier, sondern er war fähig, sachkundig und ehrlich auf unsere Fragen zu antworten. Er bekannte sich als Moslem mit großem Respekt vor dem Christentum. Ein schönes Beispiel von Weite und Toleranz. Seine Vorträge über verschiedene Aspekte und Fragen der Türkei regten an, uns ein umfassendes Bild der verschiedenen Seiten seines Landes zu machen und uns nicht mit Klischees zufrieden zu geben. Wie aktuell und notwendig diese Aufforderung für uns alle ist, sehen wir ja an den Entwicklungen der letzten Wochen: Es ist schwer, sich von einem allgemeinen "Feindbild Islam" zu befreien.

Jemand hat einmal sehr treffend gesagt, Vorurteile seien Fertigteile, womit man sich die Welt leicht und schnell zusammenbauen kann. Vorurteile sind zäh und nur schwer abzubauen. Begegnungen mit Menschen wie Herrn Seicuk können einem dabei helfen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 02.03.2006

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