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Bistum Erfurt

Vergessene Mitbürger

Jüdisches Leben in Heiligenstadt

Dompfarrer Christian Gellrich (rechts) traf unter den Zuhörern in der ersten Reihe seinen alten Klassenlehrer Paul Schäfer (links). Foto: Christine Bose Heiligenstadt - Jüdisches Leben in Heiligenstadt war Thema eines Abends, zu dem das Katholische Bildungswerk im Bistum Erfurt ins Marcel-Callo-Haus eingeladen hatte.

Zwei Mal (1845 und 1860) war der Antrag der Jüdischen Gemeinde zum Bau einer Synagoge abgelehnt worden, bevor endlich am 10. September 1873 die feierliche Einweihung begangen werden konnte. Eine Zeitung hielt das Ereignis für die Nachwelt fest. Nach der Enteignung 1940 kündete nichts mehr an der Fassade der zwangsweise zum Wohnhaus umgestalteten Synagoge in der Stubenstraße von ihrer eigentlichen Bestimmung. Alle jüdischen Ornamente, alle Farbglasfenster waren entfernt worden. Dass sie nicht schon am 9. November 1938, zur Reichskristall- oder Reichspogromnacht in Flammen aufging, ist folgender Tatsache zu danken: Das jüdische Gotteshaus war Bestandteil einer Häuserzeile nicht jüdischer Bewohner.

Dompfarrer Christian Gellrich aus Erfurt, gebürtiger Eichsfelder, schreibt an seiner Promotion zum Thema "Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Heiligenstadt im 19. und 20. Jahrhundert". Kürzlich stellte er unter dem Titel "Juden in Heiligenstadt, unsere vergessenen Mitbürger – eine Erinnerung" im Marcel-Callo-Haus einen Ausschnitt vor. Eingeladen hatte das Katholische Bildungswerk im Bistum Erfurt, Region Eichsfeld.

"Schreiben Sie alles auf, was Sie wissen und wenn es Stichpunkte sind, Rektor Freitag nimmt es entgegen", bat Pfarrer Gellrich in der überhaus lebhaften Diskussion ganz besonders die älteren Heiligenstädter. Denn neben seiner Forschungsarbeit in Archiven, Auswertung von Zeitungstexten, Anzeigen und Jahrhunderte alten Dokumenten legt er großen Wert auf Gespräche.

Ralf Schultz, Pfarrer der evangelischen St.-Martin-Gemeinde, regte an, sich noch intensiver mit dem Thema zu befassen, am besten eine Initiative zu gründen.

In der Kreisstadt des Landkreises Eichsfeld künden neben der bereits erwähnten Synagoge die Straßen "Jüdenhof", von der keine Pläne auffi ndbar sind, und "Am jüdischen Friedhof", der auch heute noch unterhalb des Ibergs existiert, vom einstigen jüdischen Leben, außerdem Wohn- und Geschäftshäuser. Den Nachforschungen Pfarrer Gellrichs zufolge lebten 1803 sechs jüdische Menschen in Heiligenstadt, zusammen mit 23 Protestanten und 2 796 Katholiken. Die Höchstzahl, rund einhundert Juden, verzeichnet die Zeit der Jahre 1882/83.

Die letzten 14 Juden waren 1942 von den Nazis gewaltsam "ausgesiedelt" worden; ihr Leben endete in faschistischen Vernichtungslagern. Weshalb dennoch eine jüdische Bestattung nach 1942 belegt ist, kann bis heute nicht begründet werden.

In seiner Arbeit befasst sich der Erfurter Dompfarrer auch mit den Wurzeln jüdischen Lebens in der Stadt und im Eichsfeld. So enthalten vier von 167 Artikeln der Heiligenstädter Willkür (Stadtordnung von 1335) Kapitel, die sich auf Juden beziehen, doch ließ sich noch keine jüdische Ansiedlung in dieser Zeit nachweisen. Für zwei Eichsfelddörfer ist verbrieft: Das erste Ansiedlungsgesuch eines jüdischen Mannes wurde im Jahre 1763 gestellt, als Salomon Katzenstein aus Eschwege um gewerbliche Ansiedlung in Martinfeld ersuchte. Rüdigershagen ist das einzige Eichsfelddorf, wo es eine jüdische Gemeinde und einen jüdischen Friedhof gab. Doch gingen zwischen 1860 und 1865 die meisten Juden von dort aus in größere Städte, beispielsweise nach Mühlhausen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 02.03.2006

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