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Anstoß

Was hat das Kind am Altar zu suchen?

Über Aufräumen und Neugier

Zusammen mit elf anderen Figuren regte das Mädchen in Schmochtitz zum Nachdenken an.

Schon wieder war es weggeräumt: Das kleine Mädchen aus Styropor, das im Altarraum der Schmochtitzer Kirche fröhlich auf den Ministrantenhockern herumkletterte.

Es verging keine Woche in der Ausstellung "Typisches und Sakrales" in der das Mädchen nicht wie von Geisterhand aus dem Altarraum herausgenommen wurde. Mal landete es in den ersten Reihen, dann war es an der Sakristei, zweimal kam es bis zum Konzertflügel und einmal gelangte es sogar hinten an die Orgel.

Was hat so ein Kind auch im Altarraum zu suchen – Ausstellung hin oder her? Hatten es die Ausstellungsmacher faustdick hinter den Ohren, als sie das Mädchen gerade dorthin setzten?

"Lasset die Kinder zu mir kommen." Dieser schönen Bibelstelle ging ja voraus, dass bei Jesus Kinder herumsprangen, die dort, nach Meinung der Großen, nicht viel zu suchen hatten. Wahrscheinlich hatten die Jünger Jesus mit den Kindern nicht gerade beim Ringelrein gefunden, sondern die Kinder waren in die Erwachsenenwelt hereingebrochen. Die Reaktion damals war die gleiche wie heute. Wir sind da nicht viel anders als die Menschen zu Jesu Zeit.

Das ist die erste Erklärung für das weggeräumte Kind. Und eine nett gemeinte Ermahnung, Kinder ruhig auch mal in die heilige Welt der Erwachsen vorstoßen zu lassen. Gerade auch dann, wenn es sich um heilige Orte handelt.

Aber es gibt noch eine zweite Erklärung: Vielleicht hatte das Mädchen ja gar keine Lust dauernd am Altar rumzuliegen? Andere Ort sind doch auch spannend. Und so eroberte es sich als einzige der zwölf ausgestellten Figuren nach und nach den ganzen Kirchenraum. Dabei bekam sie mehr mit, als ihr von den erwachsenen Ausstellungsgestaltern zugebilligt wurde. Weil sie auch mal machte, was sie wollte.

Ein schönes Bild für die Nichtverfügbarkeit meiner Nächsten. Die auch nicht immer machen, was andere für sie planen. Noch dazu ein schönes Bild über die Neugier in Kirchen. Dort gibt es viel zu entdecken, nicht nur für Kinder. Nur zeigen im Unterschied zu Erwachsenen die Kinder ihre Neugier offener und rennen genau dorthin, wo was Spannendes passiert. Und, mal ehrlich, es ist doch schön, wenn sie das auch am Altar finden.

Sollten Sie neugierig geworden sein: Die Ausstellung ist vom 10. März bis zum 7. April, in der Leipziger Peterskirche, Riemannstraße zu sehen. Ich bin gespannt, was die Kleine dort erlebt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 7 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 16.02.2006

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