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Aus der Region

Kein Friede nirgends

Der israelische Botschaftsrat Joel Lion war im Bischof-Benno-Haus Schmochtitz zu Gast

Botschaftsrat Joel Lion Kein Konflikt auf der Welt wird so erbittert geführt, wie der zwischen Israel und den Palästinensern. Nach dem Wahlsieg der militanten Hamas-Bewegung scheint der Frieden in weite Ferne gerückt.

Joel Lion ist ein perfekter Rhetoriker. "Sehen Sie durch meine Brille", fordert er jemanden im Publikum auf. "Wie Sie sehen, sehen Sie nichts." Dies sei das Problem der Europäer, wenn sie den Nahostkonflikt aus ihrer Perspektive betrachten.

Lion ist israelischer Diplomat und Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit in der Berliner Botschaft seines Landes. Am 6. Februar war der Vater von acht Kindern zu Gast beim "Schmochtitzer Forum" im Bischof-Benno-Haus. "Israel – gestern, heute und morgen" lautete der Titel seines Vortrages vor rund 150 Besuchern, zu dem unter anderem die Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen eingeladen hatte.

Israel, so Lion, sei ein modernes und vor allem ein demokratisches Land. "Wenn der iranische Präsident heute sagt, dass wir die Speerspitze des Westens im Nahen Osten sind, dann hat er recht. Wir sind der Okzident im Orient." Israel sei ein Land, das technisch und wirtschaftlich hoch entwickelt ist, in dem "nach Deutschland die meisten Bücher erscheinen" und in dem die Weichen für eine friedliche Zivilisation gestellt worden sind.

Doch der Botschaftsrat macht kein Hehl daraus, dass sich – seit dem Sieg der terroristischen Hamas- Bewegung in den palästinensischen Autonomiegebieten – der Friedensprozess erschwert hat, wenn nicht sogar unmöglich geworden ist. "Mit allem haben wir gerechnet, nur damit nicht."

Zum Beweis seiner schlimmsten Befürchtungen erläutert er Auszüge aus der Charta der Hamas- Bewegung, in der von der Zerstörung Israels die Rede ist ("Jeder Jude ist ein Siedler und es ist unsere Pflicht, ihn zu töten") und in der der Staat Israel als "Waqf", als "heiliger Besitz des Islam", bezeichnet wird. Lion, so macht es den Eindruck, hat Angst um sein Land, seine Familie, aber immer mit dem, wie er sagt, typischen israelischen Humor, der die Hoffnung nicht aufgibt.

"Wie die Deutschen haben wir nach der Shoa gesagt: Nie wieder. Nie wieder darf dem jüdischen Volk so etwas angetan werden." Wie es jedoch nach dem Sieg der Hamas in der Region weitergehen kann, steht offensichtlich auch für den Botschaftsrat in den Sternen. Derzeit herrscht Funkstille. Zu den Siegern in Ramallah gebe es keine Kontakte – auch die übrige Welt verhandelt nicht mit Terroristen.

Dennoch will Israel nach den Worten Lions Gesprächsbereitschaft zeigen, auch wenn er mehr als skeptisch gegenüber den neuen Machthabern ist. "Hat Israel die Atombombe", fragt jemand aus den Zuschauerreihen, um den Super-Gau des Konflikts anzudeuten. Manch einem kommt diese Frage "naiv" vor, aber sie gehört in Zeiten atomarer Wucherung, in denen es kaum noch verlässliche Sicherheitssysteme gibt, wohl zu den entscheidendsten. Lion weicht dieser Frage aus, obwohl es kein Geheimnis ist, dass sein Land ohne großes Aufsehen Frankreich von Platz fünf der Atommächte verdrängt hat. Und die Palästinenser? Niemand in der westlichen Welt bestreitet heute ernsthaft das Existenzrecht Israels. An diesem Abend fehlte jedoch die Perspektive des Anderen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 7 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 16.02.2006

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