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Anstoß

Oberflächlichkeit und Langeweile

Achtsamkeit auf den Lauf des Tages

Pater Damian Meyer

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch manchmal so ergeht: Sie zappen am Abend durch die vielen Fernsehprogramme, ohne bei einem Angebot hängen zu bleiben. Sie schauen kurz hin und wechseln zum nächsten Sender, weil Sie meinen, da gebe es etwas Besseres. Am Ende sind Sie frustriert und schalten den Apparat aus. Es kann sogar vorkommen, dass wir ganze Tage nach diesem Muster verbringen: Wir machen unsere Arbeit routinemäßig, ohne uns zu sehr anzustrengen und zu engagieren, unsere Gespräche sind oberflächlich und wenig anregend. Wir schlagen ein Buch auf, lesen es an und legen es wieder aus der Hand. Wir sind zerstreut und können uns nicht konzentrieren. Am Ende eines solchen Tages müssen wir zugeben: Wir haben allerlei gemacht und erledigt, aber im Ganzen war es ein langweiliger und unbefriedigender Tag. Warum? Weil wir in allem an der Oberfläche geblieben und nicht in die Tiefe gegangen sind.

Ich denke an das biblische Bild vom Schatz, der in einem Acker verborgen war. Dieser Schatz wurde ja nicht gefunden, weil er allen sichtbar auf der Oberfläche lag. Er musste ausgegraben werden. Wenn der Schatz selbst auch überraschendes und unverdientes Geschenk ist, kostet das Ausgraben Arbeit und Mühe. In unsrem geistlichen Leben geht es ähnlich zu: Wir können nicht recht meditieren und beten, wenn wir uns nicht konzentrieren. Wir brauchen eine Zeit – auch wenn sie kurz ist –, in der wir alles liegen lassen uns im Gebet für das Wort Gottes öffnen und ihm Antwort geben. Auch das Beten kann oberflächlich und langweilig werden, wenn wir nicht in die Tiefe bohren. Wenn wir uns in Stille und Sammlung öffnen, erschließen sich die lebendigen Quellwasser, die uns am Leben erhalten. Dann schwinden Langeweile und Desinteresse, und wir finden das Leben spannend.

Der kanadisch-französische Schriftsteller Julien Green sieht die eigentliche Ursache der Langeweile darin, dass wir Gott in unserem Leben nicht wirklich anwesend sein lassen: "Die Langeweile, die tiefe Langeweile, kommt von der Abwesenheit Gottes oder vielmehr von unserer Abwesenheit, wenn Gott da ist. Und er ist immer da, doch wir ziehen unser elendes Anderswo vor und kommen dort vor Langeweile um."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 01.02.2006

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