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Bistum Magdeburg

Karaoke des Schweigens

Verein Refugium kümmert sich um vergessene Kinder und Jugendliche

Sozialpädagogin Annett Möves und Mitarbeiter Roland Barnig vom Verein Refugium mit sieben ihrer ausländischen Schützlinge. Foto: Katharina Handy Magdeburg - Seit 1997 kümmert sich der dem Caritasverband inkorporierte Verein Refugium in Magdeburg um unbegleitete Flüchtlingskinder und Jugendliche in Sachsen- Anhalt. Werden die jungen Leute 18 Jahre alt, droht ihnen die Abschiebung.

Sie wirken wie 15-Jährige, sind aber um die 17. Ihr seelisches Alter kann man nur erahnen. Seit wenigen Jahren wohnen sie in Deutschland, und auf den ersten Blick sind die sieben vietnamesischen Jugendlichen Teenager wie andere auch. Sie tragen modische Jacken, mit Vorliebe kurze aus Lederimitat, Jeans, weiße Sneaker- Turnschuhe oder spitz zulaufende Stiefel, Käppi oder Mütze. Es ist kalt draußen.

"Ihr braucht keine Angst zu haben, jetzt könnt ihr alles loswerden, damit viele Menschen erfahren, wie es euch geht", ermuntert Annett Möwes (32), Sozialpädagogin und Betreuerin der sieben jungen Menschen, die Jugendlichen. – Betretenes Schweigen, Kichern. Sie meiden Blickkontakte, werfen sich verstohlen vietnamesische Worte zu. In Annett Möwes gemütlichem Altbau-Büro mit der apfelgrünen Couch und einer Lichterkette mit Sonnenblumen will einfach keine lockere Gesprächsatmosphäre entstehen. Was fragt man Jugendliche, die laut Vormundschaftsverein "refugium e.V." vor dem Elend in ihrem Geburtsland geflüchtet sind und auf ihrer Flucht "Opfer von Misshandlung, Ausbeutung und sexueller Gewalt durch kriminelle Schlepper" geworden sind? Die kaum mal ihrer Betreuerin anvertrauen, wie sie genau nach Deutschland gekommen sind, was ihnen zugestoßen ist?

Auf der Flucht zum Opfer geworden

"Sie geben nichts von sich preis, weil sie denken, sie könnten sich damit in Gefahr begeben", sagt Roland Bartnig, hauptamtlicher Mitarbeiter bei "refugium e.V.". Er ist Vereinsvormund von 40 Mündeln aus Asien, Afrika und Osteuropa, die jetzt in Sachsen- Anhalt leben, und trägt die rechtliche Verantwortung und elterliche Sorge für die Jugendlichen. "Die jungen Leute sind seelisch sehr belastet, weil sie nicht wissen, was die Zukunft bringt", sagt Bartnig. Minderjährige Flüchtlinge sind in Deutschland nur bis zu ihrem 18. Geburtstag geduldet, danach läuft die Zuständigkeit der Jugendhilfe aus, und sie können über kurz oder lang abgeschoben werden.

Du Phan ist 17 Jahre alt und geht in die 9. Klasse einer Sekundarschule. Er gehört zu den Mündeln von "refugium e.V.", die in einer eigenen kleinen Wohnung in Magdeburg leben und sich regelmäßig mit ihrer Betreuerin Annett Möwes treffen. So sollen sie selbstständiger werden und können ihre eigene Kultur weiterleben, ohne die Beschränkungen eines Kinder- oder Asylwohnheims. Die meisten der sieben jungen Flüchtlinge können kochen, aber Du ist der beste von ihnen. "Ich koche vietnamesische Gerichte, aber auch deutsche, zum Beispiel kann ich Kartoffelsalat machen und Kuchen backen", erzählt er, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Du und die anderen treffen sich manchmal zum Abendessen. Und zum Karaoke-Singen (Nachsingen bekannter Titel von Stars).

Plötzlich scheint der Bann gebrochen. Die Unterhaltung wird lebhafter. Auf vietnamesisch. Karaoke sei die Freizeitbeschäftigung in Vietnam, erklärt Trang Nong schließlich, eine 18 Jahre alte Gymnasiastin, die seit sieben Jahren in Magdeburg lebt, weil sie hier Verwandte hat. Von ihren geschiedenen Eltern hat sie nichts mehr gehört, seit sie von ihnen aus Vietnam weggeschickt wurde.

Hoffnungen und Wünsche wie andere Jugendliche auch

Die anderen Jugendlichen schweigen beharrlich und erzählen nur von sich, wenn es etwas ist, das sie mit den anderen gemein haben. Die Vorliebe für Karaoke und vietnamesische Filme und Bands zum Beispiel. Oder die mathematische Begabung. Und der Wunsch, bleiben zu können, eine Arbeit zu finden, Geld zu verdienen. Doch ohne Aufenthaltsgenehmigung gibt es keine Arbeitserlaubnis, keine Chance auf eine Lehrstelle.

"Ich möchte mal Medienwissenschaften studieren", sagt Trang, als sie später ihre kleine, aufgeräumte Einraumwohnung vorführt. Überall hängen Fotos von Trang und ihren Freunden, Trang und den Mädchen von der vietnamesischen Tanzgruppe "Pfirsichblüte". Ein Studium müsste sie jedoch selbst finanzieren – unmöglich. Aber wenn Trang spricht, klingt sie wie jedes andere Mädchen in ihrem Alter und keinesfalls mutlos. Als sie erwähnt, dass sie am Abend mit einer Freundin ins Fitnesstudio gehen wird, verfällt sie sogar ins Magdeburgische.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 4 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 01.02.2006

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