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Anstoß

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Mit Kindern übers Sterben reden

Guido Erbrich

"Ich denk, der ist im Himmel", sagte meine dreijährige Tochter erstaunt. Wir waren vor ein paar Tagen auf dem Friedhof und standen am Grab eines Menschen, den sie kannte. Der frische Erdhügel, die Blumen und Kränze. Alles zeigte mehr in Richtung unten als nach oben.

"Ja, der Pfarrer Geiger ist gestorben. Sein Körper liegt jetzt hier begraben – aber seine Seele ist im Himmel."

"Dann ist der liebe Gott also auch gestorben", stellte sie fest.

"Wieso denn dass", fragte ich erstaunt. "Na, der ist doch auch im Himmel", sagte sie, als ob es das Normalste von der Welt wäre.

"Nein, der liebe Gott lebt, der ist hier, um uns herum, und auch im Himmel. Dort, wo auch der Pfarrer Geiger ist", versuche ich das theologische Gleichgewicht wieder herzustellen.

"Können wir ihn dort besuchen?", fragte sie neugierig.

"Nein, das geht nicht, wir können hier zum Friedhof gehen, an ihn denken und ein kleines Gebet sprechen."

"Schade, ich wollte ihn zu Hause besuchen."

Erklären Sie mal einem Kind das Geheimnis von Tod, Himmel und ewigen Leben. Ich glaube, so ein großer Mensch kann dabei mindestens genausoviel lernen wie ein Kind.

Und dabei kann er ein wenig traurig werden. Wie schön war es doch, als ich mir noch mit den Antworten, die ich bekam, die Welt zusammenbauen konnte. Als ich noch nicht alles hinterfragen musste. Als das Leben im Himmel nach dem Tod die natürlichste Sache der Welt war, weil Mama und Papa es so sagten.

Pech gehabt, erwachsen geworden? Schließlich ist für Große die Sicherheit des Kinderglaubens lange her. Wir müssen uns rumschlagen mit der Ungewissheit, was denn wirklich am Jüngsten Tage und im Himmel sein wird.

Nein, der Kinderglaube muss erwachsen werden und das ist auch ganz gut so. Aber die kindliche Sicherheit zeigt, was uns Erwachsenen oft fehlt: das Vertrauen, dass andere unsere Hoffnung nicht betrügen. Der Glaube, dass diese Welt nicht alles ist.

Ab und an mit einem kindlichen Blick auf das Geheimnis von Leben und Tod schauen, kann da nicht schaden. Weil der Tod plötzlich wieder zum Leben dazugehört.

"Komm, wir wollen sterben spielen", sagte meine Tochter freudig zu Hause. "Leg dich auf den Boden. Ich mach die Decke über dich drüber, dann kannst du Wolken zählen."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 3 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 19.01.2006

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