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Aus der Region

Kirchen, Volkskunst und technische Demkmale

Unterwegs auf der Silberstraße: Schneeberg

Das schwierige Leben im Berg Wer heute durch das Erzgebirge reist, wird nicht nur mit Umleitungen, Ampeln und hohem Verkehrsaufkommen konfrontiert, sondern oft auch mit dem Hinweisschild Silberstraße und damit mit der Geschichte der Region, die sich im Mittelalter aus dem Silberbergbau entwickelte. So gehört diese Straße zu den am besten ausgebauten touristischen Routen. Die Reisenden sind eingeladen Station zu machen. Zum Beispiel in Schneeberg. Die Besiedlung dieser Region fand im 13. Jahrhundert statt. Zunächst erwarben sich die Bewohner ihren Lebensunterhalt durch die Landwirtschaft. Silber in größeren Mengen wurde hier erst 1470/71 gefunden.
Der Silberbergbau im Erzgebirge wurde durch die Markgrafen von Meißen gefördert. Otto der Reiche gründete Freiberg, wo 1168 Silber gefunden wurde. Damit verbunden war das so genannte "Berggeschrey", dem viele Menschen in die eher rauhe Region folgten - nach Freiberg kamen besonders Bergleute aus dem Harzgebiet, die sich zunächst in einer eigenen Siedlung niederließen - der "Sächsstadt" nach dem welfischen Niedersachsen. Im Zuge der raschen Stadtentwicklung wuchsen die einzelnen Teile rasch zusammen. In deren Mitte wurde 1180 eine spätromanische Pfarrkirche errichtet, der Vorläuferbau des Doms. Neben Freiberg und Schneeberg verdanken auch Annaberg und Marienberg dem Bergbau ihre Entstehung und ihre frühe wirtschaftliche Blüte. Die umliegenden großen sächsischen Städte Chemnitz, Dresden und Zwickau profitierten ebenfalls von der Entwicklung des Bergbaus. Und die Wettiner - zu denen Otto der Reiche gehörte - verdanken dem erzgebirgischen Silber Reichtum und politische Macht. So wurde der Silberbergbau im Jahr 1989 in den Mittelpunkt einer Ausstellung in Dresden gerückt, die eigentlich aus Anlass des 900-jährigen Bestehens des Hauses Wettin konzipiert wurde, in dieser Intention aber unter den damaligen politischen Verhältnissen nicht durchführbar war.
Mit dem wirtschaftlichen Wohlstand entstanden in den größeren Städten spätgotische Hallenkirchen. So der Freiberger Dom St. Marien, die St.Annenkirche in Annaberg und schließlich die St.Wolfgangskirche in Schneeberg. Erst am vergangenen Sonntag war letztere Schauplatz eines besonderen Festes, des Schneeberger "Bergstreittages". Verbunden damit ist alljährlich ein Umzug der Bergleute mit anschließendem Gottesdienst. Der "Bergstreittag" erinnert an einen frühen Arbeitskampf - der erste Streik in Sachsen überhaupt. Im Jahr 1496 protestierten die Bergleute erfolgreich gegen einen Lohnabzug.
Wie Prof. Heinrich Magirius in seiner Broschüre zur St.Wolfgangskirche - erschienen im Kunstverlag Weick, Passau - schreibt, sollte der Bau mit der in Annaberg entstehenden St. Annenkirche konkurrieren. Zugleich ist sie Ausdruck des Aufschwungs von Wirtschaft und Kultur. Schneeberg war übrigens den Wettinern so wichtig, dass sie sich bei der Leipziger Teilung 1485 darauf einigten, dass die Stadt sowohl den Wettinern der albertinischen Linie als auch den Ernestinern gehören sollte. Finanziert wurde das Baugeschehen der Kirche mit einer von allen Bergleuten zu leistenden Berg-steuer und durch Bergwerksanteile jedes Grubenbesitzers. Unterstützung kam zudem von den Wettinern, besonders vom Ernestiner Friedrich dem Weisen, der in Torgau und Wittenberg residierte. Friedrich soll den in seinen Residenzstädten tätigen Architekten Hans Meltwitz - auch Hans von Torgau genannt - nach Schneeberg geschickt haben, wie Prof. Magirius schreibt. Herzog Georg von Sachsen stellte hingegen seine Unterstützung ein, da die Schneeberger mit den Ideen Luthers sympathisierten. Wörtlich heißt es weiter: "Alle Chroniken und historischen Überlieferungen bezeugen, dass auf ihn (Hans Meltwitz) Entwurf und Ausführung der zweiten Wolfgangskirche zurückgehen." Der Grundstein wurde schließlich 1516 von Pfarrer Wolfgang Krause im Auftrag des Naumburger Bischofs gelegt. Doch so richtig katholisch wurde die neue Kirche nie, wenn auch zunächst katholische Gottesdienste und Andachten in ihr gefeiert wurden. Es gab beispielsweise einen Rosenkranzaltar sowie einen Altar der Bergknappschaft. Beseitigt wurden diese nach Einführung der Reformation 1541 auf Anweisung des Kurfürsten Johann Friedrich und des lutherischen Theologen Georg Spalatin. Schneeberg selbst war bereits 1534 lutherisch geworden.

Nachdem die St. Wolfgangskirche im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, was zum Einbruch der Gewölbe führte, wurde sie ab 1951/52 schrittweise wieder aufgebaut. Heinrich Magirius führt aus: "Von Anfang an war für die Schneeberger klar, dass St. Wolfgang in der äußeren Gestalt im historischen Sinne wiedererstehen sollte. ... 1958 wurde durch das Institut für Denkmalpflege eine getreue Rekonstruktion auch des Innenraumes erstmals vorgeschlagen und in den folgenden Jahrzehnten von der Kirchgemeinde und dem Ev.-Luth- Landeskirchenamt konsequent durchgehalten."

Die Kirche ist heute für Besucher zugänglich. Neben der Schönheit des Innenraumes und einem Flügelaltar aus der Werkstadt von Lukas Cranach dem Älteren mit einer Festtags- und einer Alltagsseite erwarten den Besucher dort fünf neuere Schnitzfiguren, die den Bogen zur noch heute lebendigen Tradition der Volkskunst im Erzgebirge spannen. Dargestellt sind Heiligenfiguren des Bergbaus. Zuerst Daniel, der Prophet des Alten Testamentes. Sein Bezug zum Bergbau steht in Verbindung mit seinem Traum vom aus Edelmetall bestehenden "Kolosses auf tönernen Füßen". Dann die im Erzgebirge besonders verehrte St. Anna, die Mutter Mariens. Schließlich St. Wolfgang, der Namenspatron der Kirche. Der 994 gestorbene Bischof von Regensburg wird in der Ikonografie mit der Axt dargestellt. Der Legende nach stieß er damit auf reiche Erzvorkommen. Besondere Bedeutung für die im Bergbau tätigen Menschen kommt auch der heiligen Barbara zu - diese Märtyrerin galt den Bergleuten wegen ihres großen Bekennermutes als Vorbild. Die letzte der fünf Figuren stellt den heiligen Christophorus dar.

Neben der Kirche lohnt in Schneeberg ein Besuch des Museums für bergmännische Volkskunst. Diese entwickelte sich mit dem Bergbau zu einer eigenständigen Kultur - ja, dass Erzgebirge gehört zu den großen deutschen Volkskunstlandschaften überhaupt. In den Zeiten des Niedergangs fanden zahlreiche Menschen zudem im Spielzeugbau eine Möglichkeit zum Broterwerb. Zentrale Figur dieser Volkskunst ist der Bergmann, beispielsweise der Kanzelträger im Freiberger Dom aus dem Jahr 1638 oder der Lichterträger, der noch heute zahlreiche Stuben zur Advents- und Weihnachtszeit erhellt. In Schneeberg werden zahlreiche Stücke gezeigt, die am bergmännischen Leben ausgerichtet sind. So eine Figurengruppe "Bergmännische Stufe". Sie stellt den beruflichen Werdegang des Obersteigers Bock aus Schneeberg von 1815 bis 1865 dar und wurde aus Anlass seines 50. Bergbaujubiläums geschaffen. Oder der Aufzug des Schneeberger Bergreviers, geschaffen im Jahr 1942. Ein anderes Beispiel sind die Weihnachts- und Heimatsberge. In ihnen wird die biblische Geschichte genauso gezeigt, wie das oft schwere erzgebirgische Leben über und unter Tage. Weiter gibt es eine Reihe von Einzelfiguren, darunter einen Steiger in Aufzugstracht von August Dittrich aus Neustädtel von 1885.

Aber auch andere Museen der Silberstraße zeigen Exponate der regionalen Volkskunst, so das Erzgebirgsmuseum in Annaberg-Buchholz, dass Schlossmuseum Schwarzenberg und besonders das Erzgebirgische Spielzeugmuseum mit seinem Freilichtmuseum in Seiffen. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen technischen Denkmale, wie Bergwerke, die für Besucher zugänglich sind. Einen guten Überblick über die einzelnen Stationen der Silberstraße geben vier Hefte, die im Deutschen Kunstverlag erschienen sind. Sie gehen jeweils auf die Dorfkirchen, die Hallenkirchen, die Museen und die technischen Denkmale ein. jak

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 30 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 27.07.2001

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