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Auf zwei Minuten

Dein Wille geschehe

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

In einer Todesanzeige war zu lesen: Durch einen tragischen Motorradunfall starb am 12. Mai unser geliebter Sohn Martin im Alter von zwanzig Jahren." Oben auf der Karte stand der Spruch: "Für uns zu früh – doch Gottes Wille".

Nun war durch polizeiliche Ermittlungen und durch Zeugenaussagen klar geworden, dass der junge Mann mit überhöhter Geschwindigkeit in einer unübersichtlichen Kurve einen Lastwagen überholen wollte und dabei mit einem entgegenkommenden PKW zusammenprallte. Gottes Wille oder Inkompetenz und jugendlicher Leichtsinn? Hat Gott wirklich gewollt, dass Martin ein solch schrecklicher Unfall passierte und damit großes Leid über seine Eltern brachte? Ist es Gottes Interesse, menschliches Leben in diesem Alter abbrechen zu lassen? Sieht der "Wille Gottes" da nicht wie Willkür aus? Wie ein blindes Schicksal, in das man überhaupt keinen Einblick hat? Scheint da der liebende Vatergott noch hervor, den uns Jesus vorgestellt hat? Die Rede vom Willen Gottes darf man nicht leichtsinnig im Munde führen, schon gar nicht, wenn es um Leid und Unglück anderer geht. Der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti protestiert gegen den Satz "Dem Allmächtigen hat es gefallen, N. N. zu sich zu nehmen", den man manchmal auf Todesanzeigen findet: "dem herrn, unserem gott/ hat es ganz und gar nicht gefallen / dass gustav. e. lips / durch einen verkehrsunfall starb // erstens war er zu jung / zweitens seiner frau ein zärtlicher mann / drittens zwei kindern ein lustiger vater / viertens den freunden ein guter freund / fünftens erfüllt von vielen ideen // was soll jetzt ohne ihn werden? / was ist seine frau ohne ihn? /wer spielt mit den kindern? / wer ersetzt einen freund? / wer hat die neuen ideen? // dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / dass einige von euch dachten / es habe ihm solches gefallen // im namen dessen der tote erweckte / im namen des toten der auferstand: / wir protestieren gegen den tod von gustav e.lips." Gottes Wille schließt die Verantwortung des Menschen nicht aus. Auch nicht bei Naturkatastrophen. Gott hat uns mit Verstand und freiem Willen ausgestattet, die wir im Interesse unseres eigenen Lebens und der Gesellschaft einsetzen sollen. Das führt zu einer ganz anderen Haltung als zu der eines weisen stoischen Philosophen, dessen Ziel die Resignation vor dem unentrinnbaren Schicksal ist und dessen Weg dorthin Entsagung heißt. Wer Gott im Gebet als Vater anruft, versucht herauszufinden, was sein Wille ist. Da kann es dann geschehen, dass man bei endgültigen Verhältnissen wie unheilbarer Krankheit und Tod den Widerstand aufgeben muss und sich vertrauensvoll Gott in die Hände gibt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 50 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 16.12.2005

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