Gedenken für tote Kinder

Ein neuer Erinnerungsort in der Magdeburger Kathedrale

Magdeburg - An vielen Orten, darunter auch in Magdeburg haben am dritten Advent Eltern ihrer im Kindesalter gestorbenen Töchter und Söhne, Kinder ihrer gestorbenen Geschwister, Großeltern ihrer toten Enkelkinder gedacht. In St. Sebastian gibt es dafür jetzt einen eigenen Gedenkort.

Leise, ruhige Musik aus dem Lautsprecher. Drei Kerzen brennen am großen Adventskranz über dem Mittelgang. Altarraum und Seitenschiffe sind nur wenig beleuchtet. Adventliche Atmosphäre liegt über dem Gotteshaus. Rund 80 Personen haben sich in der Magdeburger Propsteikirche St. Sebastian eingefunden. Etliche jüngere Paare, einzelne Frauen, auch einzelne Männer, teilweise mit Kindern, ältere Menschen. Als die Musik verklungen ist, begrüßt Klinikseelsorgerin Barbara Haas alle, die zu dieser Stunde des Gedenkens an die gestorbenen ungeborenen und geborenen Kinder, Enkelkinder, Geschwister gekommen sind.

Gedenkort für gestorbene Kinder

Eine Frau erzählt von ihren Gefühlen und Fragen angesichts des Todes ihres Kindes, klagt, Gott habe es ihr "weggenommen".– Ein Song von Reinhard Mey wird eingespielt: Der Liedermacher versucht darin seinem Kind Rede und Antwort zu stehen, "was ist, wenn wir nicht mehr leben". Er hoffe, so der Sänger, dass wir jenseits "des großen hellen Tores" "fernab von Zwietracht, Angst und Leid, in Frieden und Gelassenheit" die treffen, "die uns vorangegangen sind, und die wir lieben". Der Gedanke, selbst durch dieses Tor zu müssen, habe dann nichts Bedrohliches mehr, fügt Mey hinzu.

Bereits im vergangenen Jahr hat eine solche Gedenkfeier in Magdeburg, in der St.-Petri-Kirche, stattgefunden. Diesmal sind doppelt so viele Menschen gekommen, vielleicht auch, weil sie den neuen Gedenkort im Bereich des Haupteingangs von St. Sebastain besuchen wollen. Dort steht seit wenigen Tagen eine Skulptur.

Eine Skulptur zum Berühren und zum davor Ausharren

Der Bildhauer Walter Green aus Klein Rünz (Mecklenburg) hat sie "Fermate" geannt, was soviel wie Ruhezeichen, Pause, auch Aushalten heißt. Es soll eine Skulptur zum Anfassen sein. Jeder Teilnehmer hat ein Bild davon in die Hand bekommen, um darauf schauen zu können, während Schwangerschaftsberaterin Christina Baum an die "Fermate" heranführt: Sie ist aus zwei rohen alten Balken aus Abrisshäusern gemacht. Der Künstler hat die rund zwei Meter langen Balken unbearbeitet gelassen. Jeder Balken hat seine eigene, auch rauhe Geschichte. Am oberen Ende hat Walter Green geschnitzte Köpfe angesetzt. Die so entstandenen Figuren sind einander zugewandt. Die kleinere lehnt sich an die größere an – findet Trost. "Die größere Gestalt kann ein lieber Mensch sein, kann Christus sein", sagt Frau Baum. Und: Es gibt jemanden, zu dem ich in meinem Schmerz, mit allen Fragen und Zweifeln, im Kampf um ein Verstehen, in der Dunkelheit kommen kann. – Ich spüre, es gibt jemanden, dem ich zu Herzen gehe. – Und auch mein Kind ist von ihm angenommen und geborgen in seinem Herzen.

Nach weiterer Musik sind alle eingeladen, aus ihrer Kirchenbank nach hinten zum Gedenkort zu gehen und dort ein Licht zu entzünden, für die gestorbenen Kinder. Fast alle nehmen teil. Manchen stehen Tränen in den Augen. Die Christen unter ihnen, wohl auch Ungetaufte, beten das Vaterunser. Einige berühren die Skulptur.

Es folgen Informationen: Zu der Skulptur soll demnächst ein Klage- und Fürbittenbuch gelegt werden. Eine Gedenkfeier für als Kinder Gestorbene wird es auch 2006 geben. Einem Infoblatt ist zu entnehmen, dass jeweils am Mittwoch vor Ostern und am Mittwoch der dritten Oktoberwoche, 11 Uhr, auf dem Magdeburger Westfriedhof fehl-, zu früh- und totgeborene Kinder beerdigt werden.

Zum Schluss sind alle zum heißen Getränk und Gespräch eingeladen. Und dazu, in den nächsten Stunden für ihr Kind eine Kerze ins Fenster zu stellen, wie es an diesem Abend vielerorts geschieht.

Kontakt: Netzwerk Leben
Tel. (03 91) - 534 24 11

Hintergrund - Lichter weltweit

Unter dem Motto "Worldwide Candle Lighting" sind seit fünf Jahren Menschen in aller Welt eingeladen,brennende Kerzen zum Gedenken an ihre gestorbenen Kinder ins Fenster zu stellen. Die Idee kommt von den "Compassionate Friends" in den USA. Dort wird an jedem zweiten Sonntag im Dezember ein "Worldwide Candle Lighting" (eine Lichterkette rund um den Globus) organisiert, das von Gedenkfeiern oder -gottesdiensten begleitet wird.

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