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Bistum Erfurt

Ein Christ in der Wirtschaft

Der Erfurter Karstadt-Chef Borkenhagen

Der Geschäftsführer des Erfurter Karstadt-Kaufhauses Günter Borkenhagen beim adventlichen Gesprächsabend, den das Kaufhaus mit dem Katholischen Forum im Lande Thüringen veranstaltet. Foto: Holger Jakobi

Erfurt - Jedes Jahr im November und Dezember steht das Karstadt-Warenhaus Erfurt auch im Blickfeld der Kirchen. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Günter Borkenhagen über das soziale Engagement seines Hauses und andere gesellschaftliche Fragen:

Im November ist Ihr Haus einer der Initiatoren des Festes der guten Taten und im Dezember laden Sie und das Katholische Forum zu einem Gespräch ins Warenhaus ein. Warum?
    Während wir mit unserem Gesprächsabend bewusst einen Ruhepunkt in der Vorweihnachtszeit setzen wollen, stehen beim Fest der guten Taten das Soziale und die Emotionen im Mittelpunkt. Seit fünf Jahren sind Leute aus Erfurt und Umgebung rund um den Martinstag eingeladen, Mäntel und warme Bekleidung für die Kleiderkammern in Thüringen zu spenden. Die Resonanz ist sehr groß, und die Leute haben viel Vertrauen zu uns und unseren Partnern von Caritas und Malteser- Hilfsdienst. Zum anderen ist es uns wichtig, auf die Emotionen zu achten, die bei den Menschen wach werden. Für uns ist deshalb nicht die abgegebene Kleidung das Entscheidende, sondern wir wollen im Kopf, im Bewusstsein etwas verändern, deutlich machen, dass es nicht jedem so gut geht wie uns selbst.
Ist Ihnen diese Veränderung gelungen?
    Teilweise ja, zumindest bei denen, die kommen, ihre Mäntel abgeben oder die dem Bühnenprogramm zusehen. Sie sehen an diesem Tag kaum ein miesepetriges Gesicht. Wenn wir nur ein paar Leute glücklicher machen, dass sie spüren, sie sind nicht alleine, dass sie Gemeinschaft erleben – das ist doch toll.
Wirtschaft und Soziales, passt das zusammen?
    Man darf das Soziale nicht aus den Augen verlieren. Allerdings dürfen die in der Wirtschaft Tätigen die Gesamtsituation der Betriebswirtschaft des eigenen Betriebes nie außer Acht lassen. Zudem sind die Verantwortungsträger, wie wir als Erfurter Karstadt-Geschäftsführung, in erster Linie den Mitarbeitern gegenüber verantwortlich, ihnen über unseren gemeinsamen Erfolg einen sicheren Arbeitsplatz zu gewährleisten – auch das ist sozial. Aber ein gesicherter Arbeitsplatz ist nur möglich, wenn Anstrengungen unternommen werden, dass die notwendigen Erträge von uns allen erwirtschaftet werden. Das bedeutet nicht, dass wir alles andere außer Acht lassen. Aber wirtschaftlicher Erfolg ist eine gute Basis, um wirkungsvoll zu handeln, um zu helfen.
Wie kann man als Christ, der an verantwortungsvoller Stelle steht, Wirtschaft mitgestalten?
    Ein Beispiel: Zu unserer Belegschaft gehören viele Mütter, die aufgrund ihrer Verpflichtung in der Familie nicht voll arbeiten können, denen aber der Kontakt zum Beruf, zu unserem Haus und seinen Mitarbeitern wichtig ist. Diese Mütter sind für uns sehr wertvoll. Sie sind eine Bereicherung für unser Haus. Zum anderen ist die Bindung an unser Haus eine Bereicherung für die Mütter selber. Sie nehmen an allen Schulungen teil, wissen um alles und haben immer ein Bein im Beruf. Eigentlich wird damit der Beweis erbracht, dass Mutter und Beruf kein Widerspruch sein muss.
Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist nicht rosig. Wie schätzen Sie die Situation ein?
    Die Welt hat sich verändert. Wir leben auf keiner Insel. So haben Lohnunterschreitungen in Asien, aber unterdessen sogar in den USA oder anderswo indirekt Einfluss auf Deutschland. Ein amerikanischer Automobilzulieferer, der seine Löhne kürzlich drastisch senkte, tritt international, wie in Deutschland, nun als Mitbewerber auf. Diese Problematik haben wir.
    Ich meine, das Wichtigste ist Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung. Hier müssen wir besser werden, vor allem weil wir in Deutschland keine Rohstoffe haben. Eine lebenslange Weiterbildung ist notwendig. Es muss jedoch ein Geben und Nehmen sein. Zum einen gibt es eine Bringschuld vom Mitarbeiter, zum anderen haben sie Anspruch auf die Unterstützung vom Arbeitgeber.
Wann und wo sollte mit der Bildung begonnen werden?
    Bildung ist heute so komplex, dass sie im Kindergarten anfangen muss. Hier entscheidet sich, welches Sozialverhalten ein Mensch hat, wie er mit anderen umgehen kann. Da gibt es durchaus Unterschiede. Man merkt es den Kindern an, in welchen Kindergarten sie gehen. Aber auch die Schule ist gefordert: Gerade in einer Zeit, in der auf die Berufstätigen immer mehr Anforderungen zukommen, muss die Schule einen Ausgleich schaffen. Ich denke beispielsweise an außerschulische Angebote. Was alles aber nicht heißen soll, dass man die Familie außer Kraft setzt. Im Gegenteil: Familie ist der Hort, in dem das Kind groß wird. Aber die Bildung ist heute so komplex, dass viele Eltern damit nicht mehr klarkommen. Es ist heute so, dass etwa in Leitungsjobs ohne Englisch nichts mehr geht, meist kommt noch Französisch und Spanisch dazu. Da können Eltern nur noch wenig helfen und brauchen die Hilfe der Schulen. In all diesen Punkten haben wir Nachholebedarf. Es ist jedoch eine immer deutlicher werdende Erfahrung, dass Länder – auch kleinere wie zum Beispiel Finnland –, die mehr für ihre Schulen tun, auch größere Erfolge in der Wirtschaft haben.
Welche Erfahrungen haben Sie bei Einstellungsgesprächen mit Auszubildenden gemacht?
    Wir sehen schon bei unseren Tests, dass es Defizite gibt. Wer sich sprachlich nicht richtig ausdrücken kann oder sich in bestimmten Situationen nicht zu helfen weiß, der kann nicht mit Kunden umgehen oder an einer computergesteuerte Kasse sitzen. Da sind schon die Schulen stärker gefordert. Andererseits können die Eltern sich nicht aus der Verantwortung stehlen, sie tragen die Hauptverantwortung für die Erziehung.
Müssen Menschen heute Angst vor der Zukunft haben?
    Ich glaube es nicht! Wir haben immer Höhen und Tiefen erlebt. Ich meine, dass wir die Stagnation überwinden werden. Wir dürfen aber nicht zu hohe Erwartungen an die Gesellschaft stellen. Der alte Spruch von Kennedy hat seine Gültigkeit. Kennedy sagte: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann. Frage, was du für dein Land tun kannst." Einfach einmal überlegen, was man selbst dem Staat, der Gemeinde zurückgeben kann: Wie kann ich mich einbringen, was kann ich meinen Mitbürgern geben? Der eine kann mehr, der andere kann weniger geben. Das ist aber nicht nur materiell gemeint, sondern auch ideell. Es gibt so viele Leute, die unentgeltlich eine Fußballmannschaft trainieren. Die machen das mit einem Elan, da schäme ich mich manchmal, wenn ich mit meinen Enkelkindern auf den Fußballplatz gehe: Die Trainerin ist eine junge Frau, die selber vier Kinder hat. Wenn Menschen solch ein Engagement aufbauen, dann haben sie auch weniger Zukunftsängste.
Wie schätzen Sie die Rolle der Kirchen in Mitteldeutschland ein?
    Wir haben in Erfurt Glück mit unseren Bischöfen, denn der ökumenische Gedanke prägt die Gemeinden sehr stark. Ich meine, dass der ökumenische Ansatz gerade in den neuen Bundesländern etwas Besonders ist. Unabhängig von den Unterschieden, die es ja gibt, versucht man etwas gemeinsam. Basis ist der gemeinsame Glaube. Und der ist ja trotz allem, was trennt, nunmal da. Letztendlich sind wir alle Christen.
    Dennoch fühlen sich nur noch wenige zur Kirche hingezogen. Das Erstaunliche ist ja, dass das Spirituelle heute überall groß geschrieben wird. Da geben die Leute ein wahnsinniges Geld aus, um ein Seminar in dieser Richtung zu besuchen. Ich meine, da kann ein gut gestalteter Gottesdienst das Spirituelle wesentlich besser näher bringen.
    Wir müssen auf die Leute zugehen. Ein Beispiel ist unser ökumenischer Abendsegen zum Fest der guten Taten. Ich habe das erlebt: Da saßen einige auf einer Bank und waren am Anfang sehr laut, haben wenig Rücksicht genommen. Aber auf einmal wurden sie ruhig und standen auf und kamen immer näher ... Der Abendsegen ist eine spirituelle Handlung. Da werden viele im Innersten angesprochen. Ich glaube, die Kirche muss zunehmend solche Angeboten machen. Wenn der Mensch nicht in die Kirche kommt, dann muss die Kirche zu möglichen Gläubigen und Skeptikern kommen.
    Zudem meine ich, dass die wenigsten ungläubig sind. Irgendwie muss es gelingen, die Leute zu erreichen, ohne dass man mit dem Glauben hausieren geht. Es geht darum, dass derjenige, der Kirche noch nie erlebt hat, Glauben und Gottesdienst mit Interesse wahrnimmt. So kann es gelingen, dass ein spiritueller Funke überspringt. Als Kaufmann würde ich sagen, dass auch die Kirche Öffentlichkeit braucht, aber auch ein vernünftiges Marketing.
Die Konkurrenz, der sich Kirche stellen muss, ist doch groß?
    Ja, es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Ich kann ins Kino gehen aber auch in die Kirche. Aber jeder braucht Ruhe, sucht Gelegenheiten sich zurückzulehnen, möchte erfahren, dass es auch noch etwas anderes im Leben gibt. Da gibt es ein Vakuum, das es auszufüllen gilt. Im vorigen Jahr hatten wir beim Adventsgespräch Pater Paulus Terwitte aus Frankfurt am Main zu Gast. Der geht diesen Weg. Er versucht, Leute zu erreichen. Das macht er exzellent. Ihm gelingt es mit seinen unkonventionellen Methoden – wie seinem Auftritt bei Big Brother –, Leute zu aktivieren, die vom normalen Priester nicht mehr erreicht werden.

Fragen: Holger Jakobi

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 50 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 16.12.2005

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