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Auf zwei Minuten

Auf Erden nie ganz zu Hause

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

In den Wochen vor Weihnachten sind viele Menschen auf der Suche nach passenden Weihnachtsgeschenken für sich und ihre Lieben. Sie gehen durch die großen Kaufhäuser und Einkaufszentren und schauen aus nach nützlichen oder auch schönen Dingen und nach Sonderangeboten. Auch die Musikgeschäfte und die Buchläden haben in diesen Tagen besonders viele Kunden, die suchend auf die Auslagen und Regale schauen. Was suchen sie? Nur nützliche und schöne Sachen? Nur spannende Unterhaltung oder Ablenkung? Manchmal möchte ich besonders die Kunden in einem Buchläden fragen: "Was lesen Sie? Suchen Sie etwas Besonderes? Was gibt Ihnen die Lektüre?"

Der Mensch ist im Gegensatz zum Tier das rastlose Wesen, das nie ganz zufrieden und immer auf der Suche nach etwas ist, genauer gesagt: nach etwas mehr, nach anderem. Der Dichter Günter Kunert bekennt sich in einem frühen Gedicht als ein Suchender: "Ich bin ein Sucher / Eines Weges / Zu allem, was mehr ist / Als / Stoffwechsel, / Blutkreislauf, / Nahrungsaufnahme, / Zellenzerfall. // Ich bin ein Sucher / Eines Weges / Der breiter ist / Als ich, / Nicht zu schmal. / Kein Ein-Mann-Weg. / Aber auch keine / staubige, tausendmal / überlaufene Bahn. // Ich bin ein Sucher/ Eines Weges." Kunert, der 1979 aus der DDR ausgewiesen wurde, weil er die Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterschrieben hatte, ist in Sachen Religion scharf ablehnend. In einem Gespräch mit einem Theologen bekannte er: "Ich bin in einem völlig religions- und glaubensleeren Raum aufgewachsen. Weder das Christentum noch das Judentum (seine Mutter war Jüdin, der Vater ursprünglich katholisch) haben für mich jemals eine Bedeutung gehabt." Man wird also Kuhnert nicht "religiös vereinnahmen" dürfen! Ob nicht dennoch auch auf ihn zutrifft, was Heinrich Böll von allen Menschen sagt: "Die Tatsache, dass wir alle eigentlich wissen – auch wenn wir es nicht zugeben -, dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind, nicht ganz zu Hause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und woanders herkommen. Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht – jedenfalls zeitweise – klar darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört?"

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 49 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 08.12.2005

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