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Auf zwei Minuten

Seid wachsam!

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Im Neuen Testament treffen wir auf viele Texte, die uns zur Wachsamkeit mahnen, so zum Bespiel: "Seht euch also vor, und bleibt wach!" – "Selig die Knechte, die der Herr wachend findet, wenn er kommt." – " Wacht und betet allezeit!"– "Seid wachsam, steht fest im Glauben!" – "Seid nüchtern und wachsam!"

Was bedeutet Wachsamkeit? Sicher nicht: Aufgeregt eine künstliche Endzeitstimmung aufzubauen, wie verschiedene Sektenprediger es versuchen. Es bedeutet auch nicht Schlaflosigkeit vor lauter Aufregung und Sorge. Wachsam sein bedeutet zunächst einmal: Sich bewusst machen, dass unser Leben ständig unter dem Zeichen des Todes steht. Unsere Lebenszeit ist begrenzt. Niemand weiß, wann ihm die Stunde schlägt, in der er Christus als seinem Richter begegnet. Wachsein bedeutet dann: Das hier und jetzt Notwendige tun. Die Entscheidung zur persönlichen Umkehr nicht aufschieben. Rabbi Eliezer gab seinen Schülern im Babylonischen Talmud den Rat: "Kehre zu Gott zurück einen Tag vor deinem Tod." Danach fragten ihn die Schüler: "Weiß denn der Mensch, an welchem Tag er sterben wird?" Darauf antwortete der Rabbi: "Umso mehr muss er heute umkehren; vielleicht stirbt er morgen. Es ergibt sich also, dass er alle Tage seines Lebens zu Gott zurückkehren soll."

Gott kann jeden Augenblick vor unserer Tür stehen und auf Einlass in unser Herz, unser Leben warten. Es gibt auch für Gott einen Advent, eine Zeit der Ankunft bei uns. Er schafft sich nicht brutal Zugang, sondern tritt bei dem ein, der ihn einlässt: Bei einer Krankheit, die uns überfällt, einem Unglück, das uns oder unsere Lieben trifft, bei einer Begegnung mit Not leidenden und einsamen Menschen, aber auch in Augenblicken des Erfolgs und Glücks oder wenn uns etwas geschenkt wird, wenn wir ein gutes, aufbauendes Wort hören, ein Zeichen der Liebe und Zuneigung erfähren. Wenn man als Christ ein wachsamer und achtsamer Mensch ist, spürt man in solchen Ereignissen die Hand Gottes. Solche Ereignisse kann man nicht zwingen oder planen. Achtsamkeit und Wachsamkeit müssen aber dennoch eingeübt werden. Die Adventszeit würde sich dafür anbieten, wäre sie denn eine Zeit der Stille und Besinnung. Einen weisen geistlichen Lehrer fragte einer seiner Schüler: "Kann ich irgend etwas tun, um erleuchtet zu werden?" Der Meister: "Genauso wenig wie du dazu beitragen kannst, dass die Sonne morgen aufgeht." – "Was nützen dann die geistigen Übungen, die Ihr vorschreibt?" – "Um sicher zu gehen, dass du nicht schläfst, wenn die Sonne aufgeht." (nach A. de Mello).

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 24.11.2005

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