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Bistum Dresden-Meißen

Keine Alternative zu Reformen

40 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – Vortrag zum Albertus-Magnus-Fest

Professor Otto Hermann Pesch

Leipzig - Das Zweite Vatikanische Konzil – 40 Jahre nach diesem Großereignis der katholischen Kirche sind viele der Errungenschaften selbstverständlich geworden. Doch wurden tatsächlich alle während des Konzils verabschiedeten Dokumente rückhaltlos umgesetzt?

Unter dem Motto "40 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil – zwischen Rezeption und Restauration" stellte jetzt Professor Otto Hermann Pesch bei einem Festvortrag im Dominikaner-Kloster St. Albert in Leipzig diese Frage. Anlässlich des Hochfestes des heiligen Albertus Magnus am 15. November war der emeritierte Theologe aus München, der selbst 20 Jahre dem Dominikanerorden angehörte, nach Leipzig gereist.

Die Messe auf Deutsch, Offenheit gegenüber anderen Weltreligionen und die Mitarbeit von Laien im Gemeindeleben – für katholische Gläubige unter 50 Jahre ist gar nicht mehr vorstellbar, dass es auch einmal anders gewesen sein könnte. Und doch: Die Kirche vor 1965 war versteinert, wie Otto Hermann Pesch darlegte. In anschaulicher Weise berichtete er von der Ausgangslage vor dem Konzil: von der römischen Zurückweisung des Modernismus und einem uniformen kirchlichen Leben, bei dem sogar die Schleppenlänge der Kardinäle vorgegeben war. Die Theologie war gelähmt und "Ausbrecher" lebten gefährlich, flüchteten sich in andere Forschungsbereiche, um sich fortan lieber mit ägyptischen Hieroglyphen zu beschäftigen.

Das Konzil, das eher unerwartet kam, veränderte vieles. Doch bei der kritischen Auswertung einiger Schwerpunkte stellte Otto Hermann Pesch fest, dass die Rezeption bis heute gespalten verlaufe. Sei das Reformwerk an der Basis angenommen, zeige sich auf anderen Ebenen der Versuch, Ergebnisse durch die gewohnten Bahnen kirchlicher Autoritätsausübung zu sabotieren: Die Sicht der Kirche als Communio werde oft aus Furcht vor zu weit reichender Demokratisierung zurückgedrängt. Selbst unter Kardinälen gebe es den Wunsch nach Rückkehr zur alten Liturgie. Mit der Würdigung der Laien gehe die Sorge um die Stellung des Priesters in der Gemeinde einher und neben der Unbefangenheit beim Umgang mit anderen Glaubensvertretern stehe die Angst vor Religionsvermischung.

Auch nach 40 Jahren haben die Dokumente des Konzils nicht überall ihre volle Wirkkraft entfaltet. Doch trotz dieser Einschränkungen sei daraus "ungeheuer viel" geworden, betonte Pesch. Der Mentalitätswechsel sei einschneidend gewesen.

Bei der sich anschließenden Diskussion kamen dann auch Themen zur Sprache, die das Zweite Vatikanische Konzil nicht berücksichtigt hatte, wie etwa die Frage nach "Priestern im Nebenamt" und die Rolle der Frau in der Kirche. Otto Hermann Pesch versteht, dass heute gerade viele Jüngere weitergehende Schritte einklagen. Auch er sieht diese Notwendigkeit: "Es gibt keine Alternative zu Reformen, wenn die Kirche nicht als Groß-Sekte enden soll, der niemand mehr angehört."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 24.11.2005

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