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Bistum Dresden-Meißen

Anstöße auf dem Trauerweg

Dresdner Ordensfrau begleitet Trauernde

Schwester Fabiana Wessiepe

Dresden - "Den jeweils nächsten Schritt muss jeder für sich allein gehen. Ich kann nur Denkanstöße geben", sagt Schwester Fabiana Wessiepe. Seit fünf Jahren leitet die Missions-Benediktinerin Trauerkreise beim Christlichen Hospizdienst Dresden.

Die Anfragen nach Beistand in der Trauer nehmen ständig zu. Längst kümmern sich die Dresdner Hospiz- Mitarbeiter nicht mehr nur um Hinterbliebene der Sterbenden, die sie bis zum Tod begleitet hatten. Schwester Fabiana Wessiepe, die eine Zusatzausbildung als Trauerbegleiterin absolviert hat, leitet die speziellen Angebote des Hospizdienstes für Trauernde.

Begonnen hat es mit den Trauerkreisen. Im Frühjahr und Herbst finden sie mit jeweils bis zu zehn Teilnehmern in den Räumen des Tageshospizes statt. Im 14-täglichen Rhythmus treffen sich die Trauernden insgesamt an acht Abenden, um über unterschiedlichste Themen ins Gespräch zu kommen. "Trauer zulassen", "Trauer hat viele Gesichter", "Warum- Fragen und Schuld-Gefühle" sind zum Beispiel solche Themen, die mitunter auch durch Rituale und Symbole veranschaulicht werden. Gegen Ende der gemeinsamen Zeit richtet sich der Blick dann immer mehr in die Zukunft: "Was kann mir helfen, wieder ins Leben hineinzuwachsen? Wie finde ich wieder Stand, wie bekomme ich von neuem Licht in mein Leben?", lauten Fragen, auf die die Teilnehmer des Kreises dann gestoßen werden.

Rituale zwischen Abschied und Neubeginn

Es sollten nach dem Verlust des Angehörigen oder Freundes mindestens vier bis sechs Monate vergangenen sein, bevor die Betroffenen in den Trauerkreis kommen, wünscht sich Schwester Fabiana. Vorher seien die meisten noch nicht in der Lage, ihre Situation zu reflektieren. Sie brauchen eher Menschen, bei denen sie sich einfach aussprechen und ausweinen können, häufig neigen sie dazu, schmerzliche Erinnerungen erst einmal zu verdrängen. "Ich darf nicht nachdenken, dann geht es mir gut", hört die Schwester in dieser Phase von manchen. Erst später wird ihnen ihr Alleinsein bewusst. Für diejenigen, die nicht in der Lage sind, sich auf eine Gruppe einzulassen, bieten Fabiana Wessiepe und andere Hospizmitarbeiter auch Einzelbetreuungen an. Die Gründe dafür können ganz unterschiedlich sein: Fehlende Erfahrung mit Gruppen beispielsweise oder außergewöhnliche Probleme, die den Rahmen eines Trauerkreises sprengen könnten, wie bei der Trauer um ein Mordopfer oder um ein Kind, das sich das Leben genommen hat.

Jeden zweiten Mittwochnachmittag findet ein Trauercafé statt, zu dem die Gäste ohne Anmeldung kommen können. An einer schön gedeckten Kaffeetafel haben die Teilnehmer eine Stunde lang Gelegenheit, untereinander ins Gespräch zu kommen. In der zweiten Stunde gibt es zumeist ein Angebot, das Gestalten von Windlichtern etwa. In der Weihnachtszeit wird im Trauercafé auch schon mal gesungen. Als die Hospiz-Mitarbeiterinnen dazu die Entstehungsgeschichte der Lieder erzählten, sang mancher, der zuvor glaubte, nicht mehr singen zu können, sogar Lieder wie "O du fröhliche" mit. Dass der Liedautor Johannes Daniel Falk mehrere Kinder durch Typhus verloren hatte und den Text in einer Situation tiefster Not gedichtet hat, machte das Mitsingen plötzlich möglich. "Die Trauernden wünschen sich ja, sich wieder freuen zu können, und häufig erwächst aus der Gemeinschaft mit anderen Trauernden das Gefühl, dies auch tun zu dürfen", hat Schwester Fabiana erfahren.

Verbindung zu Verstorbenen spüren auch Nichtchristen

Die Angebote für Trauernde werden von ganz unterschiedlichen Teilnehmern genutzt. Die meisten sind Frauen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren. Verschiedene Weltanschauungen sind vertreten. Christliche Inhalte und Rituale vermittelt Fabiana Wessiepe nur sehr behutsam, zum Beispiel beim Irischen Reisesegen, mit dem sie die Trauerkreis-Abende beschließt.

Solche Rituale oder ihr Ordensgewand sind manchmal Anstoß für die Trauernden, von selbst über ihren Glauben zu sprechen. Christen tun sich mit der Trauer nicht unbedingt leichter, sagt die Ordensschwester. Manche entfernen sich durch die Verlusterfahrung sogar vom Glauben, verstehen Krankheit und Tod als Strafe Gottes. Anderen hilft der Glaube jedoch, neue Kraft zu schöpfen. "Ich finde Trost im Glauben", hört Schwester Fabiana manchmal sogar von Ungetauften. Die Verbundenheit mit ihren Verstorbenen über den Tod hinaus spürten eigentlich alle, ob gläubig oder nicht.

"Wohin mit meinen Schuldgefühlen?" – Bei dieser Frage hätten die Christen, gerade die Katholiken, vielleicht einen Vorteil, räumt sie ein. Für die Ungetauften ist sie selbst oft eine Art "Beichtmutter". Ein Symbol, das sie den Trauernden gerne nahe bringt, ist die Rose: "Die Blüten stehen bei der Erinnerung an die Verstorbenen für die Liebe und den Dank, die Dornen für alles Schmerzliche." Manchmal sagt sie einem Trauernden: "Ich gedenke Ihrer. Meine Art, das zu tun, ist das Gebet."

Während in den Trauerkreisen ein Abschiedsritual das Ende der gemeinsamen Zeit markiert, fällt es manchen Gästen des Trauercafés schwer, nach einigen Monaten oder sogar Jahren wieder Abschied zu nehmen. Fabiana Wessiepe ist es aber wichtig, dass jeder diesen schmerzlichen Schritt tut, wenn er spürt, dass er nun ganz gut wieder alleine zurechtkommen kann, dass das Leben zwar anders ist als vorher, aber auch lebenswert. "Wir können keine Lebensbegleitung anbieten, sondern nur Trauerbegleitung", betont sie. Andernfalls könnte das Trauercafé nicht mehr offen sein für Menschen, die mit ihrer frischen Trauer wirklich auf Begleiter angewiesen seien."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 46 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 17.11.2005

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