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Mitten unter den Menschen

Michael Schilling aus Görlitz gehört zur Gemeinschaft der "Kleinen Brüder vom Evangelium"

Bruder Michael Schilling

Görlitz - Eigentlich wollte er Priester werden, hat sich dann aber doch anders entschieden. Michael Schilling aus Görlitz hat für die Gemeinschaft der "Kleinen Brüder vom Evangelium" in seiner Heimatkirche die ewige Profess abgelegt.

Die Heilig-Kreuz-Kirche in der Görlitzer Altstadt ist am letzten Oktobersonntag gut gefüllt. Michael Schilling wundert sich ein wenig, dass er nach 20 Jahren der Abwesenheit immer noch gut in Erinnerung ist. Und er muss an diesem Tag viele Hände schütteln – für die Gemeinschaft der "Kleinen Brüder vom Evangelium" legte der studierte Theologe in der Kirche, wo er getauft und gefirmt wurde, seine ewige Profess ab. Die Gemeinschaft habe sich ganz bewusst für diesen Ort entschieden, "denn hier hat für mich alles angefangen", meint Schilling.

Dabei war sein Weg alles andere als geradlinig. Die ersten Fragen nach seiner Berufung, seinem Lebensweg mit Gott, stellte er sich, als sich Anfang der 80er Jahre in Jauernick bei Görlitz der Karmeliterorden gründete. Schilling war beeindruckt von der einfachen Lebensweise und dem tiefen Glauben der Mönche. Von ihnen lernte er, dass Gott nicht in weiter Ferne ist, sondern dass man freundschaftlich mit ihm umgehen kann. Der junge Abiturient entschloss sich, Theologie zu studieren und Priester zu werden. Aber die Fragen nach der eigentlichen Berufung hörten damit nicht auf.

Nach dem Studium absolvierte er seinen Zivildienst als Hilfspfleger in einem Pflegeheim in Frankfurt am Main. Der Wunsch, sich den Kleinen Brüdern vom Evangelium anzuschließen, wuchs mehr und mehr. Schon als Student in Erfurt hatte er Kontakt zu den Kleinen Schwestern Jesu, von denen es damals eine kleine Gemeinschaft in der späteren thüringischen Landeshauptstadt gab. Prägend war auch ein einwöchiger Aufenthalt in der ökumenischen Mönchsgemeinschaft von Taizé 1990. "Hier ging mir sehr deutlich der Gemeinschaftsaspekt unseres Lebens als ,Christen in der Spurweite Jesu‘ auf."

Dass man den Glauben nur in einer Gemeinschaft leben kann, wird zu einer Grundüberzeugung des künftigen Ordensbruders. "Als Mensch und als Glaubender zu reifen, würde mir am ehesten im Unterwegssein mit anderen gelingen", erinnert sich Michael Schilling heute. "Das bedeutet, mit Brüdern zusammenzuleben, die den Alltag mit mir teilen, Gebets- und Mahlzeiten, Licht- und Schattenseiten."

Michael Schilling machte ernst: 1993 bat er um die Aufnahme in den Orden der Kleinen Brüder vom Evangelium. Seine Noviziatszeit führte ihn unter anderem nach Frankreich und Italien. "Inzwischen ist mir diese internationale und doch verschwindend kleine Gemeinschaft längst zu einer Art zweiten Familie geworden."

Mitten unter den Menschen leben, Freud und Leid mit ihnen teilen, im Verborgenen wirken: Das ist das Anliegen des Ordens der Kleinen Brüder vom Evangelium. Kleine Fraternitäten (Bruderschaften) bilden den Kern des gemeinschaftlichen Lebens. Die Brüder gehen in der Regel einem "zivilen Beruf" nach. Dafür hat der diplomierte Theologe Michael Schilling sogar noch einmal ungeschult und eine Ausbildung zum Elektriker gemacht. Seine Arbeitsstellen sind nicht festgelegt: "In den letzten Jahren war ich meistens für Zeitarbeitsfirmen beschäftigt."

In der Welt zu leben, vor allem mit denen, die am Rande stehen, bedeutet für die Brüder aber auch: Als Ordensangehörige sind sie nicht herausgehoben. Vertrauen muss man sich erst erwerben, es gibt keine Vorschusslorbeeren, hier ist man genausso viel wert wie die anderen, ohne etwas Besonderes darzustellen. Für Michael Schilling verwirklicht sich hier in besonderer Weise das verborgene Leben Jesu: Mit zwei Mitbrüdern will er in Zukunft dieses Leben in einer ostdeutschen Plattenbausiedlung mitten unter den Menschen teilen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 45 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 14.11.2005

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