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Bistum Dresden-Meißen

Anfänge in der "Trümmerburg"

Vor 50 Jahren übernahm Konrad Wagner die Leitung der Dresdner Kapellknaben

Konrad Wagner mit seinem Vorgänger Joseph Wagner

Dresden(tdh) - Am Allerheiligenfest 1955 trat Konrad Wagner seinen Dienst als Instruktor der Dresdner Kapellknaben und Organist der Dresdner Hofkirche an. Der Altdomkapellmeister berichtet über diese wichtige Etappe für die Entwicklung der Kirchenmusik an der heutigen Kathedrale.

Am Ende des Sommersemesters 1955 schloss ich mein Kirchenmusikstudium an der Hochschule für Musik in Westberlin mit der staatlichen A-Prüfung für Chorleiter und Organisten ab. Ich hatte es angetreten mit dem Ziel, danach die Leitung der Dresdner Kapellknaben zu übernehmen.

In meine Studienzeit fiel der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953, den ich am Vortag in Ostberlin hautnah miterlebt hatte. "Wir rufen auf zum Generalstreik!" "Weg mit Pieck, Ulbricht und Grotewohl!" skandierten die Menschen in dem ungewohnten Demonstrationszug auf der Friedrichstraße, den ich bis zum Alexanderplatz begleitete. Um mein Studium nicht zu gefährden, hatte ich danach meinen DDR-Personalausweis abgegeben, einen Westberliner Ausweis beantragt und auch bekommen. Ich war beim Abschluss meines Studiums also Westberliner. Es fiel mir nicht leicht, anders als die meisten meiner Kommilitonen nun den Weg zurück in die DDR gehen zu sollen, zumal ich in Berlin meine Frau kennen gelernt hatte, die in Westdeutschland zu Hause war. Durfte ich sie überreden, mit mir ein gemeinsames Leben in der DDR zu beginnen mit all dem Unabwägbaren? Aber ich wusste, in Dresden erwartete man mich. Mein vom Krieg gezeichneter Vorgänger Joseph Wagner – er hatte bis auf eine Tochter seine ganze Familie im Krieg verloren – wollte in den Ruhestand gehen. Mit ihm hatte ich auf Initiative des Hofkirchen-Propstes Willibrord Sprentzel 1948, noch vor meinem Abitur, als Musikpräfekt das beim Angriff auf Dresden zerstörte Institut wieder aufgebaut. Es war ein bescheidener Anfang, aber darin steckte der Kern zu einer Entwicklung, die zu ahnen, aber damals noch nicht abzusehen war.

Sicher hatten Propst Sprentzel und auch mein Vater befürchtet, ich könnte der Verlockung, nun auch "in den Westen" zu gehen, nicht widerstehen. Sie kamen nach Berlin, um mir Mut zuzureden. Immerhin hatte ich für meine Rückkehr vom Bonifatiuswerk in Paderborn schon einen neuen VW-Bus bekommen, den ich als Umzugsgut für die Kapellknaben mit nach Dresden nehmen sollte.

So ging ich mit einem mulmigen Gefühl im Magen Anfang Oktober nach Ostberlin ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz, um meine Rückkehr in die DDR zu beantragen. Dort nahm man mir den Westberliner Ausweis ab und gab mir zu verstehen, dass ich als "reumütiger Rückkehrer" erst einmal in ein Aufnahmelager nach Eisenach fahren müsse. Die Aussicht darauf verstärkte mein mulmiges Gefühl und ich begann zu zweifeln, ob mein Schritt der richtige war. Es gab aber nun kein Zurück mehr und ich fuhr versehen mit provisorischen Papieren nach Eisenach und meldete mich im Lager. Bei der Prozedur musste ich verheimlichen, welches Motiv mich zu meiner Rückkehr bewogen hat, denn das hätte dazu geführt, dass man mir die Einreise verweigert hätte. Ich hatte gehofft, dass ich nur kurz im Aufnahmelager sein würde, weil ich Einreisepapiere für meinen Heimatort Sebnitz vorlegen konnte. Doch ich hatte mich getäuscht. Man zog mit fadenscheinigen Gründen die Genehmigung zwei Wochen lang hinaus.

In Dresden bekam ich nur eine ,Aufenthaltsgenehmigung ohne Wohnraumanspruch‘. Ich konnte im Institut auf der Schweriner Straße 15 wohnen, in einem Zimmer, das so klein war, dass ich beim Ausstrecken meiner Arme beide Seitenwände gleichzeitig berühren konnte.

Ich teilte nun mein Leben täglich über 24 Stunden mit den dort wohnenden zehn Kapellknaben, mit dem Unterschied, dass ich nun deren Instruktor und Erzieher war. Als Organist der Hofkirche stand mir nach wie vor nur das Harmonium, das den Angriff überlebt hatte, zur Verfügung. Die Orgel kam erst vier Jahre später. Mein Gehalt belief sich monatlich auf 328 DM-Ost. Das konnte mir auch nur ausgezahlt werden, weil die bis dahin für ein Taschengeld arbeitenden verdienten Musiklehrer ihre Aufgaben an mich übergaben.

Trotz oder vielleicht auch wegen der ärmlichen Verhältnisse war es eine schöne Zeit des Zusammenlebens in der "Trümmerburg". Im Hause wohnte ja nicht nur Propst Sprentzel mit seiner Schwester. Es wohnten dort die Goppelner Nazareth-Schwestern, die uns betreuten, das Hausbesitzer- Ehepaar Hoppmann, das Ehepaar Sanders, das den Kapellknaben besonders nahe stand und für manchen fast Elternersatz war, und es war nicht nur das Pfarrbüro der Hofkirche, sondern auch das Kirchensteueramt und die Friedhofsstiftung mit Franz Jensch und im Erdgeschoss die St.-Benno-Buchhandlung untergebracht. Als Perspektive hatte ich aber vor Augen, in einem Jahr mit den Kapellknaben in ein größeres Haus, das wieder aufgebaute Vinzentius- Stift in Dresden-Striesen, umziehen zu können.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 42 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 20.10.2005

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