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Bistum Erfurt

Generationen im Dialog

Die Erfurter Ausstellung Lebens(t)räume vermittelt Impulse für das Gespräch

Schüler notieren Träume für den Wunschbaum. Foto: Martin Kliemank

Erfurt - Vor zwei Jahren initiierte der Erfurter Oberbürgermeister als Reaktion auf den Amoklauf im Gutenberg-Gymnasium ein "Buch der Wünsche". Aus den 1500 Träumen, die in dem Buch zusammengefasst sind, entstand eine Ausstellung, die bis Ende des Monats in Erfurt zu sehen ist.

Eine Szene mit dem Titel "Straßenbegegnungen": Auf langen Stoffbannern sind lebensgroße Bilder von Menschen gedruckt. Als hätte man sie auf ihre Träume angesprochen, berichten sie bereitwillig über ihre Hoffnungen und Wünsche. Der Besucher kann sie auf kleinen Schildern an den Bannern lesen. Der Raum öffnet sich zu einem Rund – dem Herzstück der Ausstellung "Lebens(t)räume". Dargestellt ist die Trauerfeier auf dem Erfurter Domplatz nach dem Amoklauf am 26. April 2002 im Gutenberg-Gymnasium.

Graue Plakatwände zeigen Fotos von Prominenz und Einwohnern der Stadt. Sie stehen sich gegenüber, gleichermaßen fassungslos angesichts des Todes von 17 Menschen, die dem amoklaufenden ehemaligen Schüler des Gymnasiums zum Opfer gefallen sind. Im Mittelpunkt des Ausstellungsraumes steht die Skulptur eines Menschen. Auf dem Podest ist ein Zitat der Philosophin Hannah Arendt aufgedruckt: "Die Welt liegt zwischen den Menschen. Und dieses Zwischen – viel mehr als die Menschen oder gar der Mensch – ist heute Gegenstand der größten Sorge." Ziel der Ausstellung ist diese Sorge zu mindern, indem sie anregt, miteinander ins Gespräch zu kommen und einander erkennen und verstehen zu lernen. Sie bedient sich dabei ehrlich geschilderter Lebensgeschichten ganz verschiedener Menschen, stellt Hintergründe, Probleme und Hilfen dar.

"Lebens(t)räume" ist ein Versuch, dem Dialog zwischen den Generationen neue Impulse zu vermitteln, sagt Erfurts Oberbürgermeister Manfred Ruge (CDU). Ereignisse wie der Amoklauf seien auch geschehen, "weil dieses Gespräch abgerissen war".

Zur Auseinandersetzung mit den Alltagswelten junger Menschen laden verschiedene Ausstellungsebenen ein. Ein Bereich widmet sich den Themen Liebe, Familie, Glaube und Schule. Die zehnjährige Agnes ist bereits zum zweiten Mal hier: "Mir gefällt, dass hier so viel über unterschiedliche Leute geschrieben steht." Besonders vertieft sie sich in die Betrachtung des Projektes einer Erfurter sechsten Schulklasse – die "Kinder in der Kiste". Die Schüler sollten sich selbst in einer Kiste darstellen, während im Losverfahren ermittelte Klassenkameraden die Außengestaltung in Form einer Beurteilung vornahmen. Evelyn Koch, die täglich um die zehn Schulklassen durch die Ausstellung führt, berichtet, dass das Ausstellungsprojekt hinsichtlich des Austauschs der Schüler untereinander ein voller Erfolg war.

Ein anderer Ausstellungsbereich thematisiert Jugendgewalt und verschiedene Formen von Sucht wie Alkoholismus oder Spielsucht. Hier können ältere Besucher auch verschiedene Jugendszenen wie Gothic oder Hip-Hop kennen lernen. "Die Besucher fangen an mit ihren eigenen Jugendträumen zu vergleichen und müssen feststellen, dass es für die jungen Menschen heute schwieriger ist sich abzugrenzen", beobachtete Ines Beese, Mitarbeiterin der Ausstellung.

Der die Ausstellung prägende Wunschbaum enthält etwa 200 Zitate aus dem "Buch der Wünsche". Hier können die Besucher jetzt auch selbst aktiv werden und auf im Baum hängende leere Zettel ihre Träume notieren. Eine Lehrerin ist begeistert: "Die Schüler wollen gar nicht wieder weg. Viele kommen am Nachmittag wieder, bringen Eltern oder Großeltern mit, um sich einiges noch genauer anzusehen." Viel Lob findet sich auch im Gästebuch: "Bewegend, vielgestaltig, tief", heißt es zum Beispiel. Kaum verwunderlich ist da, dass inzwischen der 10 000. Besucher empfangen werden konnte.

An den Wunschbaum schließt sich ein Interaktionsbereich an. Aus der von Schülern umringten Karaokebox dringt der lautstarke Gesang einiger Jugendlicher: " ... steh auf, wenn du am Boden bist." Ulrich Spannaus, der Ausstellungsdesigner, freut sich, dass es in der ehrwürdigen Kunsthalle bei dieser Ausstellung einmal ganz anders zugeht. "Es wäre schade, wenn diese pädagogisch und soziologisch wertvolle Ausstellung verschwände. Deshalb bieten wir sie auch anderen Städten an. Wichtig ist die Nachhaltigkeit, dass weiter diskutiert wird."



Informationen

Die Ausstellung ist bis 30. Oktober Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr in der Erfurter Kunsthalle zu sehen. Eintritt frei.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 42 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 20.10.2005

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