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Bistum Dresden-Meißen

Aus der Sicht eines Nachbarn

Katholischer Hofkirchenpfarrer über die Dresdner Frauenkirche

'Ich blicke jeden Morgen mit Wohlgefallen auf eine evangelische Kirche', gibt der katholische Dompfarrer Klemens Ullmann zu. Foto: Dorothee Wanzek

Dresden - Noch eine Woche bis zur Einweihung der Frauenkirche. Klemens Ullmann, Pfarrer an der katholischen Hofkirche, hat den Wiederaufbau seit sechseinhalb Jahren aus unmittelbarer Nähe mitverfolgt.

"Am interessantesten war es, als die Verschalung entfernt wurde und ich plötzlich einen freien Blick auf die Kuppel hatte", erinnert sich Klemens Ullmann, der aus seinem Wohn- und Arbeitszimmer die Frauenkirche sehen kann. Er freut sich jeden Morgen an dieser Aussicht. Nach dem Direktor des Dresdner Hilton-Hotels ist er wahrscheinlich derjenige, der am nächsten an der Frauenkirche wohnt. Dass nun eine Kirche als Wahrzeichen Dresdens gilt, gefällt dem katholischen Dompfarrer. Den Wiederaufbau hält er für eine "wunderbare Aktion". Europaweit sei die Frauenkirche zu einem Symbol des Friedens geworden. Auch im Motto des Weihetages "Friede sei mit euch!" werde das deutlich.

Dass die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit gegenwärtig der Frauenkirche gilt, nimmt der katholische Nachbarpfarrer neidlos zur Kenntnis. "Das wird sich einpegeln", erwartet er. Schließlich haben auch die beiden anderen großen Innenstadtkirchen ihre eigene Prägung: die evangelische Kreuzkirche durch den berühmten Kreuzchor, die katholische Kathedrale durch die Hofkirchenmusik und die Liturgie.

Ein ökumenischer Dreiklang

Dass sich viele Dresden-Touristen in die Hofkirche "verlaufen", in der Überzeugung, sie befänden sich in der Frauenkirche, erzählt Klemens Ullmann mit einem Schmunzeln. Zu Stephan Fritz, dem Pfarrer der Frauenkirche, und zu den anderen Innenstadtpfarrern hat er ein unkompliziertes, vertrauensvolles Verhältnis. Das harmonische Miteinander der Pfarrer und ihrer Gemeinden ist auf vielerlei Weise spürbar. Beispielsweise sind die Glocken der drei Kirchen aufeinander abgestimmt: "Wenn wir Katholiken samstags um 18 Uhr aufhören zu läuten, nehmen die evangelischen Glocken den Ruf auf", erzählt der Dompfarrer.

Auch unter den Kirchenmusikern gibt es harmonischen Dreiklang. Künftig soll jeden Mittwoch im Wechsel in einer der drei Kirchen Orgelmusik gespielt werden. Als Hofkirchen-Organist Hansjürgen Scholze im Februar am 250. Weihetag "seiner" Silbermannorgel bettlägerig war, sprangen kurzerhand seine beiden evangelischen Kollegen ein. "Das wäre vor 250 Jahren völlig undenkbar gewesen", ist Ullmann überzeugt.

Dass die evangelischen Christen ihn während des Aufbaus der Frauenkirche immer wieder einbezogen haben, empfand er als beachtliches Zeichen der Ökumene. So war er 1996 zur Einweihung der Unterkirche eingeladen und wird auch nächste Woche beim Weihegottesdienst dabei sein.

Zufrieden mit dem Ausgang des "Orgelstreits"

Er wirkte in einer theologischen Arbeitsgruppe mit, die insbesondere zu Beginn des Wiederaufbaus bedeutsam war: In dieser Zeit war noch offen, ob das kirchliche Anliegen, die Frauenkirche als Gottesdienstort zu nutzen, überhaupt zum Zuge kommen würde zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen, die sich vorrangig eine Konzerthalle, ein Mahnmal oder ein europäisches Friedenszentrum wünschten.

"Soll der Altar originalgetreu rekonstruiert werden oder sollen die verbliebenen Trümmer als Mahnmal erhalten bleiben?", war eine der Fragen, die in der theologischen Arbeitsgruppe diskutiert wurden. Klemens Ullmann verstand sich als Gast und mischte sich nur in die Diskussionen ein, wenn er nach seiner Meinung gefragt wurde. Vieles hat sich trotzdem in seinem Sinne gelöst. Beispielsweise findet er gut, dass die Kirche keine Kopie der ehemaligen Silbermannorgel, sondern eine moderne Orgel bekommen hat. Er hielte es für anachronistisch, etwas nachzubauen, wovon nicht einmal mehr Reste übrig sind.

Eines allerdings stört den katholischen Nachbarn: "Schade, dass es in der Frauenkirche kein Marienbild gibt!" Schließlich handele es sich doch um eine Marienkirche und man knüpfe mit dem Namen der Kirche an eine alte Tradition an.

Die nach den Entwürfen von George Bähr im 18. Jahrhundert errichtete Frauenkirche ersetzte einen Vorgängerbau aus dem elften Jahrhundert, eine Marien- Wallfahrtskirche, die als ältestes Gotteshaus Dresdens gilt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 42 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 20.10.2005

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