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Aus der Region

Da muß noch vieles passieren

Die Kirchen und das vereinte Europa

Symbol für die Versöhnung zwischen den Völkern: Die im letzten Jahr eingeweihte Altstadtbrücke über die Neiße verbindet Görlitz mit dem polnischen Stadtteil Zgorzelec. Foto: Andreas Schuppert

Jauernick - Der Gottesbegriff wurde aus der Verfassung gestrichen, die wirtschaftlichen Probleme werden größer. Die diesjährige Pastoralkonferenz des Bistums Görlitz beschäftigte sich mit den Herausforderungen für die Kirchen in einem geeinten Europa.

Für die meisten Bürger ist die Europäische Union eine Fiktion, eine ferne Größe, die den Einzelnen nichts angeht. Die Skepsis gegenüber der EU-Erweiterung scheint zu überwiegen. Dennoch wächst der Kontinent zusammen: Schon die globale wirtschaftliche Entwicklung lässt nichts anderes zu. Und die Kirchen? In einer immer mehr zusammenwachsenden Welt stehen auch sie vor neuen Herausforderungen. Die Teilnehmer der diesjährigen Pastoralkonferenz des Bistums Görlitz vom 12. bis 14. Oktober in Jauernick versuchten, den drängenden Fragen auf den Grund zu gehen.

Unheilvolle Logik zwischen Deutschen und Polen

"Wer ist ein guter Europäer?", ist Otto von Habsburg, der frühere Präsident der Pan-Europa-Union und Abgeordnete des Europäischen Parlaments einmal gefragt worden. Die Antwort war so einfach wie schwierig. "Derjenige, der sich in Paris und Belgrad, in Oslo und London, in Warschau und Berlin gleichermaßen zu Hause fühlt." Ein Prozess, so meinen nicht nur die Skeptiker, der gerade erst begonnen hat.

Das jedenfalls ist die Überzeugung von Dr. Grzegorz Chojnacki, Priester und Hochschullehrer in Kattowitz (Katowice, Polen) und Frankfurt an der Oder. Das deutsch-polnische Verhältnis beispielsweise sei besonders im 20. Jahrhundert durch eine "unheilvolle Logik" geprägt gewesen, welche die Ressentiments auf beiden Seiten verschärfte. "Deutsche und Polen hatten in den letzten 60 Jahren gar nicht die Gelegenheit, von sich ein positives Bild zu entwickeln", meint Chojnacki. Auch nach der Wende 1989 brachen alte Vorurteile neu auf, geriet Polen in die Rolle eines unbequemen Nachbarn, der "in Deutschland die Autos stiehlt und Zigaretten schmuggelt."

Vorurteile abzubauen, Verständnis für die Geschichte und Kultur des anderen zu fördern, seien vor allem durch verstärkte Anstrengungen in der Bildungspolitik zu erreichen. Der Geistliche fordert gegenseitige Sprachprogramme, die Anerkennung von Berufsausbildungen und Hochschulabschlüssen sowie Minderheitsmandate in den nationalen Parlamenten. Angesichts der globalen wirtschaftlichen Entwicklungen stünden die Kirchen vor enormen Aufgaben. Die Ablehnung des Gottesbegriffes in der europäischen Verfassung zeige zudem, dass "man in Europa offensichtlich ein anderes Menschenbild entwickeln" wolle. Dies treffe auch für die Gentechnik zu, bei der man solange relativieren werde, bis das Handeln "ethisch vertretbar ist". Freiheit bedeute auch Verantwortung, der sich die Christen nicht verschließen dürften. "Da muss noch vieles passieren."

Öffnung der Grenzen hat neue Freiheiten gebracht

Ähnlich sieht das der emeritierte Bischof des Bistums Leitmeritz (Litomerice, Tschechien), Josef Koukl. Die Öffnung der Grenzen hätte Freiheiten mit sich gebracht, die es vorher nicht gegeben habe und die sich nicht immer positiv auswirkten. Kriminalität und Prostitution besonders in den Grenzbereichen seien an der Tagesordnung. Tschechische Intellektuelle wanderten in den Westen ab, um dort ihr Glück zu suchen. Auch die Kirche bekomme das zu spüren. Während früher die Zahl der Priesteramtskandidaten höher war als man aufnehmen konnte, gingen die Bewerbungen heute dramatisch zurück. "Entwicklungen, die wir so nicht absehen konnten", meint Bischof Koukl. Dennoch: Gerade die Kirche in Tschechien, die zu kommunistischen Zeiten wie kaum eine andere Institution vom Staat gegängelt und verfolgt wurde, sei dankbar für die gewonnene Freiheit. Die Herausforderungen, die ein zusammenwachsendes Europa mit sich bringt, beträfen jedoch nicht nur die Christen, sondern die gesamte Bevölkerung. Auch der Bischof forderte dazu auf, aufeinander zuzugehen und besonders für die jüngeren Generationen Orte der Begegnung zu schaffen.

Positive Ansätze gibt es bereits: Das internationale Zentrum für geistige Erneuerung in Haindorf (Hejnice, Tschechien) oder auf deutscher Seite das Internationale Begegnungszentrum (IBZ) im Kloster St. Marienthal bei Ostritz, das die Teilnehmer der Pastoralkonferenz besuchten. Kann ein komplexes System wie Europa eigentlich funktionieren, fragt die Priorin des Klosters, Schwester Hildegard Zeletzki. Nur in einer "Spiritualität der Toleranz", in der der eine den anderen achtet, ohne seine Identität zu verlieren.



Dokumentiert - Der Glaube ist das Fundament Europas

In seinem Schreiben „Ecclesia in Europa“ vom Juni 2003 ruft Papst Johannes Paul II. dazu auf, die christlichen Werte in Europa, die den Kontinent geprägt haben, wieder zu entdecken. Hier ein Auszug.

„... Die Geschichte des europäischen Kontinents ist vom belebenden Einfluss des Evangeliums geprägt. Wenn wir den Blick auf die vergangenen Jahrhunderte richten, können wir nicht umhin, dem Herrn dafür zu danken, dass das Christentum auf unserem Kontinent ein erstrangiger Faktor der Einheit unter den Völkern und den Kulturen und der integralen Förderung des Menschen und seiner Rechte gewesen ist.

Gewiß steht außer Zweifel, dass der christliche Glaube tiefgreifend und maßgebend zu den Fundamenten der europäischen Kultur gehört. Das Christentum hat in der Tat Europa dadurch Gestalt gegeben, dass es ihm einige grundlegende Werte einprägte. Selbst die europäische Moderne, die der Welt das demokratische Ideal und die Menschenrechte gegeben hat, schöpft die eigenen Werte aus seinem christlichen Erbe. Eher denn als ein geographischer Raum lässt sich Europa als ein vorwiegend kultureller und historischer Begriff bestimmen, der eine Realität kennzeichnet, die als Kontinent auch dank der einigenden Kraft des Christentums entstanden ist, das es verstanden hat, unterschiedliche Völker und Kulturen in gegenseitiger Ergänzung zusammenzuführen, und das eng mit der gesamten europäischen Kultur verbunden ist. Das heutige Europa scheint allerdings gerade zu dem Zeitpunkt, an dem es seine wirtschaftliche und politische Union festigt und erweitert, unter einer tiefen Wertekrise zu leiden. Obwohl es über erhöhte Mittel verfügt, macht es den Eindruck, als fehle es ihm an Schwung, um ein gemeinsames Projekt zu nähren und seinen Bürgern wieder Anlass zur Hoffnung zu geben.

Im Prozess seiner derzeitigen Neugestaltung ist Europa vor allem aufgerufen, seine wahre Identität wiederzuerlangen. Es muss nämlich, auch wenn es inzwischen eine sehr vielgestaltige Wirklichkeit darstellt, ein neues Modell der Einheit in der Vielfalt aufbauen, eine für die anderen Kontinente offene und in den aktuellen Globalisierungsprozess einbezogene Gemeinschaft versöhnter Nationen.

Um der eigenen Geschichte neuen Schwung zu verleihen, muss es mit schöpferischer Treue jene grundlegenden Werte anerkennen und zurückgewinnen, zu deren Aneignung das Christentum einen entscheidenden Beitrag geleistet hat und die sich in der Bejahung der transzendenten Würde der menschlichen Person, des Wertes der Vernunft, der Freiheit, der Demokratie, des Rechtsstaates und der Unterscheidung zwischen Politik und Religion zusammenfassen lassen. Die Europäische Union setzt ihre Erweiterung fort. Daran über kurz oder lang teilzunehmen, sind alle Völker berufen, die dasselbe grundlegende Erbe teilen ...

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 42 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 20.10.2005

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