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Auf zwei Minuten

Wie Jakob mit Gott ringen

Ein beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Im ersten Buch der Bibel findet sich die geheimnisvolle Erzählung von Jakobs nächtlichem Kampf am Flusse Jabbok: "Als nur noch er (Jakob) zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er ihm nicht beikommen konnte, schlug er ihn aufs Hüftgelenk. Jakobs Hüftgelenk renkte sich aus, als er mit ihm rang. Der Mann sagte: Lass mich los, denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob aber entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Jener fragte: Wie heißt du? Jakob, antwortete er. Da sprach der Mann: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel (Gottesstreiter), denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen. Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen! Jener entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort" (Gen 32,25-30).

Jakob bittet um den Segen des mit ihm ringenden "Mannes". Das hat die jüdische und christliche Tradition verstanden als Kampf Jakobs mit Gott im Gebet. Jakob hält trotz seiner Verletzung durch, er kämpft beharrlich weiter, bis er den Segen der geheimnisvollen Gestalt erhält. Ich glaube, das will uns sagen: Wir sollen im Gebet mit Gott "ringen" trotz mancher Enttäuschungen und Erfolglosigkeiten. Beten heißt, sich im Glauben mit allen Kräften und Fähigkeiten auf Gott einlassen.

Das gelingt nicht sofort. Man braucht Geduld, ständiges Wiederholen und Trainieren. Und dabei bleiben wir immer auch in Glaubensschwierigkeiten und Anfechtungen. Wir können uns Gottes nicht vergewissern und versichern. Wir können das, was in unserem Leben an Glück und Unglück, Freud und Leid geschieht, nicht immer eindeutig Gott zuschreiben. Spielen da nicht auch andere Faktoren mit, zum Beispiel unsere eigene Anstrengung, aber auch unsere Schuld?

Gott ist und bleibt Geheimnis. Das deutet auch die alttestamentliche Erzählung an: Die geheimnisvolle Gestalt, mit der Jakob ringt, sagt: Was fragst du mich nach meinem Namen? Nach alttestamentlichem Glauben hat der, der den Namen von Personen und Dingen kennt, eine gewisse Verfügungsgewalt über sie.

Der 1999 verstorbene katholische Pfarrer Hermann Josef Coenen fragt in einem Gedicht: "Kämpfen mit Gott, / kennst du das auch? /Wie Jakob in der Nacht am Jabbokfluss. / Wenn du Es, wenn du Ihn / nicht packen kannst / und doch nicht loskommst von Ihm. / Wenn er dir nicht / seinen Namen verrät, / und du nicht einmal weißt: / Ist es ein Dämon, ein Engel? / Ist es die Angst vor dem übermächtigen Bruder, / die mich lähmt? / Oder Schuldgefühle und Wut / meiner unbewältigten Vergangenheit? / Ist es der Schmerz in den Gliedern / oder Empörung gegen die Ungerechtigkeit / eines blinden Schicksals? // Und du schreist laut oder weinst leise / oder wirst stumm und verbittert. / Und du wünscht dir so sehr, / gesegnet zu sein. / Und du lahmst an der Hüfte / seit jener Nacht. / Kennst du das auch?"

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 41 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 19.10.2005

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