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Alle sind verantwortlich

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Wir sind es gewohnt, in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft verschiedenen Berufsgruppen, Organisationen und Instituten ganz bestimmte Aufgaben und Verantwortlichkeiten zuzuschreiben. Das gilt auch, wenn es um soziale Probleme geht. Wir wenden uns dann an die verschiedenen Behörden und Einrichtungen der Stadt, an karitative Einrichtungen der Kirche und erwarten von ihnen Hilfe. Das ist sicher notwendig, weil man für die Lösung dieser Probleme Fachkräfte und gut funktionierende Organisationen braucht. Der Einzelne wäre völlig überfordert. Heißt das aber, dass der Einzelne sich der Verantwortung für die Notlage seiner Mitmenschen entziehen kann? Es ist gut und ermutigend, dass bei Katastrophen die große Hilfsbereitschaft vieler Menschen immer wieder zu Tage tritt. Auch die großen Hilfswerke der Kirchen, wie "Misereor" oder "Brot für die Welt" sind angewiesen auf die Spenden hilfsbereiter Menschen.

Zunächst aber sind wir alle aufgerufen, den Menschen unserer nächsten Umgebung in unserer eigenen Kommune beizustehen. Ihre Not geht uns alle an. Jeder von uns prägt direkt oder indirekt die Lebensqualität unseres Wohnortes mit. Hier beginnt unsere Verantwortung. Ein Bürgermeister hat das den Bürgern auf drastische Weise klar gemacht. Fiorello Henry La Guardia war von 1933 bis 1945 Bürgermeister von New York. Er gab der Stadt eine neue Verfassung. Er führte ein vielseitiges Sozialprogramm durch, kämpfte gegen die Korruption und sorgte für bessere Wohnverhältnisse. Manchmal trat er auch als Polizeirichter in Erscheinung. So auch hier: An einem Wintertag führte man La Guardia einen alten, vor Kälte zitternden Mann vor. Man hatte ihn in einem Laden beim Diebstahl eines Brotes ertappt. Sein Hunger trieb ihn einfach dazu. La Guardia sah sich an das Gesetz gebunden, das keine Ausnahme duldet. Deshalb verurteilte er den Mann zu einer Geldstrafe von zehn Dollar. Dann aber griff er in die eigene Tasche und bezahlte den Betrag an Stelle des Angeklagten. Er warf die Zehndollarnote in seinen grauen Filzhut. Daraufhin wandte er sich an die Anwesenden im Gerichtssaal und bestrafte jeden Einzelnen von ihnen mit einem Bußgeld von fünfzig Cent und begründete die Strafe mit dem Hinweis, dass sie in einer Stadt leben würden, wo sich ein Mensch zum Brotdiebstahl genötigt sieht, um nicht zu verhungern. Die Geldstrafe wurde sofort vom Gerichtsdiener mit dem grauen Filzhut kassiert und dem Angeklagten übergeben. Dieser traute seinen Augen nicht. Er verließ den Gerichtssaal mit 47 Dollar und 50 Cent. (Nach Sigismund von Radecki).

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 40 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 05.10.2005

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