Aus der Region

Die DDR war unser Vorbild

Erfahrungen von Vietnamesen in der DDR

Nguyen Tien Duc arbeitet heute bei der Caritas. Auf einer Tagung in Magdeburg berichtete er über sein Leben als Vietnamese in der DDR.

Magdeburg - Als vor 15 Jahren die DDR verschwand, war das auch für hier lebende Ausländer ein Einschnitt. Katholische und Evangelische Erwachsenenbildung in Sachsen-Anhalt und die Friedrich-Ebert-Stiftung widmeten einer wichtigen Gruppe, den Vertragsarbeitern, jetzt eine Fachtagung.

1977 kam Nguyen Tien Duc in die DDR. Hier wollte der 1955 geborene Vietnamese zweierlei werden: ein guter Facharbeiter und ein guter Kommunist. Beides könne man in der DDR lernen, hatten ihm die Funktionäre in seiner Heimat gesagt. Dass die Wahrheit hinter dieser Propaganda anders aussah, merkte Duc bald. In seine Heimat ist er nicht zurückgekehrt. Heute arbeitet er bei der Caritas in Magdeburg, wo er ein interkulturelles Beratungs- und Begegnungszentrum leitet. Auf einer Tagung in Magdeburg berichtete Duc jetzt über seine Erfahrungen als Vietnamese in der DDR.

Nguyen Tien Duc war 20 Jahre alt, als der Vietnamkrieg 1975 zu Ende ging. In den Reihen der nordvietnamesischen Befreiungsarmee hatte er den Sieg über die Amerikaner miterlebt. "Darauf waren wir stolz." Als er in dieser Situation erfuhr, dass junge Vietnamesen, die ihren Wehrdienst geleistet hatten, in der DDR eine Lehrausbildung machen konnten, hat er sich sofort beworben. "In der DDR lernen zu dürfen, das war für mich ein Traum", sagt er. Die DDR galt in Vietnam als ein Land mit hochentwickelter Technologie und Menschen mit einem weit entwickelten sozialistischen Bewusstsein.

1977 begann Duc eine Lehre im Magdeburger Schwermaschinenkombinat Karl Liebknecht. Im Betrieb hat er schnell gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Was er erlebte, sah anders aus, als das, was er vorher gehört hatte. So wies der Lehrausbilder zum Beispiel darauf hin, auf die eigenen Sachen aufzupassen. Warum? Kann Ehrlichkeit bei Menschen mit einem entwickelten sozialistischen Bewusstsein nicht vorausgesetzt werden? Laut fragte Duc das nicht, denn: "Die DDR ist unser Vorbild, da wird nicht diskutiert", sagte er zu sich selbst. Mit der Zeit machte er weitere ähnliche Entdeckungen: "Schon frühmorgens wurde Alkohol getrunken, und die Leute nahmen Dinge aus dem Betrieb mit, die sie zu Hause gebrauchen konnten."

Seine eigentliche Bekehrungsgeschichte erlebte Duc, als er für einen vietnamesischen Kollegen eine Jacke kaufen wollte, die im Schaufenster eines Geschäftes ausgestellt war. Die Verkäuferin lehnte ab: "Die Jacke gehört zur Dekoration." Duc wies sie darauf hin, dass sie dann die Jacke bis zur Umdekorierung reservieren müsse: "So habe ich das in dem Buch ,Dein Recht als Käufer‘ gelesen." Darauf griff die Verkäuferin unter den Ladentisch, holte eine entsprechende Jacke hervor und verkaufte sie Duc. "In diesem Moment wurde mir klar: Duc, glaub nicht alles, was dir die DDR-Bürger erzählen. Du musst dich selbst schlau machen, sonst gehst du unter."

So wie ihm mag es wohl noch manch anderem ausländischen Lehrling oder Vertragsarbeiter in der DDR gegangen sein. Die hehren ideologischen Ziele wichen schnell ganz konkreten materiellen Interessen. Die vietnamesischen Vertragsarbeiter wollten in den fünf Jahren ihrer Vertragsdauer soviel Geld verdienen, dass sie am Ende zwei Mopeds, fünf Fahrräder und eine Nähmaschine kaufen und in die Heimat mitnehmen konnten, wo die Familie wartete, berichtet Duc.

Dafür nahmen sie auch manche Unannehmlichkeit in Kauf. Vor allem in den 60er und 70er Jahren gab es von vietnamesischer Seite aus sehr strenge Disziplinvorschriften. Das heißt, fast alles war verboten: lange Haare und Disco, Liebesbeziehungen und Kneipenbesuche, FKK-Baden und Mopedfahren. Wer sich daran nicht hielt, musste zurück.

Mitunter führten die Vorschriften zu grotesken Situationen: Waren Vietnamesen zur Feier mit DDR-Kollegen eingeladen, galt es eine Gratwanderung zwischen den Vorschriften und der Höflichkeit zu unternehmen. Beim Essen fiel das noch leicht. Auch wenn es nicht schmeckt, aus Höflichkeit wurde gegessen. Anders war es mit dem Tanzen. "Wenn wir aufgefordert wurden, tanzten wir trotzdem nicht, sondern blieben sitzen und sahen zu", berichtet Duc.

Als 1989 die politischen Veränderungen in der DDR einsetzten, haben auch viele Vietnamesen damit Hoffnungen verbunden. Die wichtigste war auch bei ihnen die Hoffnung auf die D-Mark, die man dann nicht mehr in Mopeds und Fahrräder umsetzen musste, sondern mitnehmen und in Dollar tauschen konnte. Einige Vietnamesen haben sogar mitdemonstriert, bis sie von DDR-Bürgern schräg angesehen wurden: "Was wollt ihr hier? Das ist unsere Revolution!" Nicht das einzige Problem, das die Wendezeit brachte. Vietnamesen wurden auch zuerst arbeitslos. Es gab Betriebe, in denen Unterschriften gesammelt wurden: Vietnamesen zuerst entlassen! Vor dem Hintergrund wachsender Ausländerfeindlichkeit stellten sich viele die Frage der Rückkehr, auch wenn ihre Verträge noch liefen. Die letzte DDR-Regierung ermöglichte ein vorzeitiges Vertragsende. Viele kehrten zurück. Für die, die blieben, gab es dann auch ein gesetzliches Bleiberecht.

Heute – 15 Jahre später – sagen viele Heimkehrer, dass sie besser in Deutschland geblieben wären. Denn den Vietnamesen, die geblieben sind, geht es besser. Wer zurückgekehrt ist, hat mit dem Geld ein Geschäft eröffnet, das inzwischen wieder pleite ist. Aber die Vietnamesen in Deutschland können – auch wenn sie nur auf dem Markt Textilien verkaufen – oft 100 Euro im Monat an ihre Familien in Vietnam schicken. Duc: "Und das ist dort sehr viel Geld."




Hintergrund - Ausländer in der DDR und Ausländerfeindlichkeit

In der DDR lebten 1989 etwa 190 000 Ausländer. Das entsprach rund einem Prozent der Einwohner. Damit lag der Ausländeranteil deutlich unter dem in den alten Bundesländern. Nicht berücksichtigt ist in diesen Zahlen, über die Mathias Tullner von der Universität Magdeburg bei der Tagung berichtete, die Gruppe der ausländischen Militär- und Sicherheitskräfte in der DDR, "die vor allem in Form der Sowjetarmee die Haltung der DDR-Bürger zu Ausländern eklatant geprägt haben dürfte", so Tullner. Eine Frage, die noch näherer wissenschaftlicher Untersuchungen bedürfe.

Die größten Gruppen von Ausländern kamen aus Vietnam (60 000), Polen (52 000), Mosambique (15 000) und Kuba (8000). In der Regel handelte es sich um Arbeitskräfte, Lehrlinge, Studenten oder Spezialisten. Eine weitere wichtige Gruppe waren die Exilchilenen, die nach dem Putsch gegen Allende in der DDR Asyl fanden – "das einzig positive Engagement der DDR in Sachen Ausländer", sagt Tullner.

Die Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer begann in der zweiten Hälfte der 60er Jahre. Anfangs spielten Aus- und Fortbildung der Ausländer verbunden mit einer Sprachausbildung eine Rolle. Doch das änderte sich bald. Schließlich mussten die Ausländer die Arbeiten verrichten, die die Deutschen nicht wollten.

Gesetzliche Grundlage waren die Regierungsabkommen zwischen der DDR und den jeweiligen Staaten. In der Ausländerverordnung und den öffentlich in der Regel nicht bekannten Ausführungsbestimmungen wurden alle Lebensbereiche reglementiert und kontrolliert. Die DDR war dabei aber kein Rechtsstaat, betont Tullner. Beispielsweise konnte die Aufenthaltsgenehmigung jederzeit ohne Angabe einer Begründung entzogen werden.

Eine soziale Integration von Ausländern in die DDR-Gesellschaft war nicht vorgesehen. Aus diesem Grund waren Ausländer in besonderen Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Nach Vertragsende war die Rückkehr ins Heimatland vorgesehen. Trotzdem gab es Einwanderungsprobleme. Diese hingen oft mit Eheschließungen zusammen, die die offiziellen Stellen deshalb so bürokratisch und langwierig wie möglich gestalteten.

Zur Entwicklung der Ausländerfeindlichkeit in Ostdeutschland nach der Wende sagte der Magdeburger Historiker Sascha Möbius, dass es in Ostdeutschland eine deutlich höhere Gewaltbereitschaft gegen Ausländer gebe. Ansonsten zeige die Statistik eine allmähliche Angleichung der Ausländerfeindlichkeit im Osten an den Westen. Die höchste Ausländerfeindlichkeit im Osten wurde zwischen 1998 und 2002 registriert.

Möbius kritisierte, dass in der Vergangenheit der Rechtsstaat vor allem in Ostdeutschland nicht konsequent durchgegriffen habe. Die Gerichte hätten mit ihren Urteilen gelegentlich signalisiert, es sei ja nicht so schlimm sei, einen Schwarzen totzutreten. Das habe sich aber inzwischen deutlich verändert. (mh)

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 40 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 05.10.2005