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Aus der Region

15 Jahre Deutsche Einheit

Einblicke in die DDR-Kirchengeschichte

Die Kirche in der DDR war um eine Politik der kleinen Schritte bemüht, die das Leben der Christen erleichtern sollte: Dompropst Peter C. Birkner in seinem Büro im Ordinariat Görlitz. Foto: Andreas Schuppert

Görlitz - 15 Jahre nach der Deutschen Einheit scheint das Land alles andere als geeint. Die negativen Seiten der DDR geraten langsam in Vergessenheit. Der Görlitzer Dompropst Peter C. Birkner erinnert sich an die Situation der Kirche im SED-Staat.

Während die Arbeitslosigkeit im Osten steigt, gewinnt die Linkspartei weiter an Zulauf. Der eine wählt sie aus Angst, seine letzte Habe auch noch zu verlieren, ein anderer sehnt sich gleich ganz nach dem alten System zurück. Die Erinnerung an die DDR als Diktatur verblassen.

Auf der einen Seite verständlich, meint der Görlitzer Dompropst Prälat Peter C. Birkner, von 1981 bis 1995 Generalvikar der Apostolischen Administratur und des späteren Bistums Görlitz. Denn vielen fehle heute die Sicherheit, die ihnen die DDR scheinbar gab. Aber: Niemand werde auch heute ernsthaft bestreiten können, dass sie ein Unrechtsstaat war, der seine Bürger um ihre Freiheit und Selbstbestimmung gebracht hat.

Nicht zuletzt zeigte sich das am Umgang mit den Christen. Als Generalvikar war Birkner an den Verhandlungen mit den offiziellen Stellen, die vor allem auf Bezirksebene liefen, beteiligt. "Die Behörden in der DDR spielten mit den Christen ein doppeltes Spiel", erinnert sich Birkner. "Auf der einen Seite war man mit den Bischöfen um ein gutes Verhältnis bemüht, auf der anderen Seite wurden die Menschen drangsaliert."

Nicht mit der Festigung der DDR gerechnet

Peter C. Birkner, selbst geprägt durch Krieg und Vertreibung, ist im Priesterseminar in Königsstein im Taunus ausgebildet worden und wäre eigentlich im Westen geblieben, wo er sich im Bistum Hildesheim als Geistlicher um seine schlesischen Landsleute kümmern wollte. Der damalige Görlitzer Kapitelsvikar Dr. Ferdinand Piontek hat ihn in die Heimat zurückgerufen oder besser in jenes Gebiet, was davon übrig war. "Wir haben damals nicht damit gerechnet, dass sich die DDR in dieser Weise festigen könnte," meint er im Rückblick. Dies sei erst nach dem Bau der Mauer deutlich geworden, nach dem sich auch der Ton gegenüber den Christen verschärfte.

"Es waren vor allem die Bereiche Jugendweihe, die Erziehung zu Feindbildern, die Sorge um die Ausreisewilligen und die Militärseelsorge, die uns bei den Gesprächen mit den staatlichen Stellen immer wieder beschäftigten", so Birkner. Gleichwohl die Bischöfe äußerst behutsam vorgegangen sind, haben sie die Einhaltung von Menschenrechten und die Achtung der Menschenwürde immer nachdrücklich gefordert – in der Öffentlichkeit allerdings selten so deutlich wie in dem Fastenhirtenbrief von 1981 (siehe unten).

Aber gerade in diesem Punkt geht die Geschichtsschreibung zuweilen mit den Zeitzeugen hart ins Gericht, wohl aus Angst, wichtige Daten zu verlieren, zumal auch die schriftlichen Quellen nicht immer verlässlich sind. Kritischen Fragen steht Dompropst Peter C. Birkner deshalb heute offen gegenüber. Hätte die Kirche nicht mehr für die Menschen tun können, tun müssen und das Unrecht herausschreien sollen? "Je schärfer die Ansprachen oder Predigten der Bischöfe waren, desto stärker wurde der Druck auf die christliche Bevölkerung", ist Birkners Erfahrung gewesen. Hauptamtlliche kirchliche Mitarbeiter mussten in der Regel keine Sanktionen erwarten. "Die Menschen in den Betrieben oder die Kinder in den Schulen hatten diese Last dann zu tragen".

So entschied man sich für eine "Politik der kleinen Schritte", die das Leben der Christen in der DDR erleichtern sollte. Besonders für jene, die in die Fänge der Staatssicherheit geraten waren, versuchte man sich einzusetzen. "Aber auch das war nicht einfach", so Birkner, "denn die kirchlichen Stellen hätten Namen und Adressen der Betroffenen nennen müssen, um etwas erreichen zu können. Die Betroffenen waren dazu jedoch aus Angst oft nicht bereit."

Glaubenszeugnis ohne Repressalien möglich

15 Jahre nach der deutschen Einheit ist auch bei Prälat Peter C. Birkner, der Anfang September seinen 70. Geburtstag feierte, ein wenig Ernüchterung eingetreten. Er warnt vor allem vor einer "Verwirtschaftlichung" des kirchlichen Lebens, die versucht ist, "von unten", besonders bei der Seelsorge, zu sparen. Zudem habe ihn vor allem in der ersten Zeit nach der Wende die Unwissenheit vieler kirchlicher Vertreter im Westen über die Kirche im Osten erschreckt. "Manch einem musste ich erst zeigen, wo Görlitz liegt."

Dass aber in einem geeinten Deutschland die Kirche eine Chance hat, ist die tiefste Überzeugung des Dompropstes. Entscheidend sei vor allem das persönliche Glaubenszeugnis des Einzelnen, was heute ohne Angst vor Repressalien möglich sei. "Das ist das eigentliche Geschenk der Einheit", meint Prälat Birkner.



Im Wortlaut - Jugendweihepraxis ist ein Verstoß gegen die DDR-Verfassung

Zu den Missständen in der DDR haben sich die Bischöfe öffentlich eher selten so deutlich zu Wort gemeldet wie in ihrem Fastenhirtenbrief von 1981. Hier ein Auszug:

... Was wird aus dem christlichen Glauben unserer Kinder und Jugendlichen? Besorgt fragen uns christliche Eltern: Was nützt es, wenn Glaubens- und Gewissensfreiheit in der Verfassung garantiert und durch Gesetzeskraft rechtlich gesichert sind, unsere Kinder aber trotzdem schutzlos der Zugluft atheistischer Erziehung ausgesetzt bleiben? Ist die Zielsetzung der neuen Schulordnung ... nicht die kommunistische Erziehung der Jugend? Bleibt bei dem Erziehungsmonopol des Staates noch Raum für unser Elternrecht?

... Die Kirche hat im Konzil den Eltern erneut die Pflicht und das erste Recht zur Erziehung ihrer Kinder vor Augen gestellt. Eltern dürfen ihr Erst-Erziehungsrecht nicht aus der Hand geben und keiner darf es ihnen aus der Hand nehmen. Auch der Staat muss bei seinen Erziehungszielen den Willen der Eltern beachten.

Diese Lehre der Kirche steht im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der Schlussakte von Helsinki. Alle diese Erklärungen haben in der DDR Rechtskraft. Entspricht es dem Erziehungsrecht christlicher Eltern und der von diesen Dokumenten geforderten Toleranz gegenüber Andersdenkenden, wenn christliche Kinder in der Schule belehrt werden, der Glaube sei überholter, primitiver Aberglaube und wissenschaftlich widerlegt? Entspricht es dem Elternrecht und der verfassungmäßig garantierten Freiheit der Religionsausübung, wenn christliche Kinder, deren ethische Lebensnorm die Liebe ist, zum Hass erzogen werden? Wir können als Christen niemals Ja sagen zum Hass. Gott ist keines Menschen Gegner. Er erwartet auch von uns ..., dass wir selbst die Menschen lieben, die uns feindlich gesinnt sind ...

Noch schwerwiegender greift in das Recht der freien Religionsausübung ein die von tausenden katholischen Eltern und Kindern leidvoll erfahrene Praxis in der Frage der Jugendweihe. Immer wieder wird erklärt, die Teilnahme ... ist freiwillig. Nehmen aber die Eltern und Kinder diese Freiwilligkeit in Anspruch, sind sie seitens der Schule, der Betriebe, in denen die Eltern arbeiten, und seitens der gesellschaftlichen Institutionen einem solchen moralischen Druck ausgesetzt, dass von Freiwilligkeit nicht mehr die Rede sein kann. Atheistische Eltern und ihre atheistisch erzogenen Kinder haben ihr selbstverständliches Recht, sich durch das ... Gelöbnis der Jugendweihe zu einer atheistischen Lebensführung zu verpflichten. Aber Christen, die mit Gott leben wollen, können nicht gleichzeitig ein feierliches Jawort sagen zu der unbestritten atheistischen Zielsetzung der Jugendweihe. Dies darf man Christen nicht zumuten! Es ist ein Unrecht, sie durch moralischen Druck dazu zwingen zu wollen. Ganz gleich, von wem dieser moralische Druck ausgeht, er verstößt gegen die Glaubens- und Gewissensfreiheit, auf die jeder Bürger der DDR, ob Atheist oder Christ, gemäß der Verfassung ein Recht hat.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 39 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 30.09.2005

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