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Bistum Erfurt

Er hätte gewollt, daß ich lebe

Trauercafe der Malteser in Erfurt

Kerstin Koeck, die Leiterin des Trauercafés.

Erfurt - Unter dem Motto "In der Trauer nicht allein" treffen sich Menschen, die unter dem Verlust eines nahen Angehörigen besonders leiden. Träger des Erfurter Trauercafés ist der Malteser-Hilfsdienst.

"Es tut mir immer so Leid, dass ich jetzt alles alleine erlebe. Wir haben doch sonst immer alles zu zweit gemacht", Elisabeth Schulz (Name geändert) treten Tränen in die Augen. Als 2003 ihr Ehemann im Alter von 75 Jahren starb, brach für sie eine Welt zusammen. Um ihre Trauer besser zu bewältigen, besucht sie das Trauercafé der ökumenischen Hospizgruppe des Malteser-Hilfsdienstes. Einmal im Monat haben Trauernde hier die Möglichkeit, mit anderen Betroffenen ins Gespräch zu kommen.

Es fällt leichter, über alles zu sprechen

Auf dem kleinen Wohnzimmertisch in der Wohnung von Elisabeth Schulz steht ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto. Es ist das Porträt ihres Ehemannes, der freundlich in die Kamera blickt. "Alleine kann ich hier drin nicht lange sein", erzählt sie. "Nur einmal am Tag gehe ich hier rein, um meinem Mann zu sagen, welches Datum ist und was mich sonst noch beschäftigt." Auch nach zwei Jahren ist es für sie noch schmerzlich, zurück auf die gemeinsamen Jahre zu blicken. Der Tod ihres Mannes kam für sie ganz plötzlich. Die schwere Krankheit hatte er ihr lange verheimlicht. "Beim Doktor wollte er mich nie dabei haben. Er hat alles immer einfach weggesteckt und nie gejammert." "Ich mach’ jetzt die ,Chemo‘ und dann bin ich wieder da", hatte er gesagt, doch er kam nicht mehr zurück.

"Durch die Trauerarbeit fällt es mir leichter, über alles zu sprechen. Das hätte ich früher nicht gekonnt", sagt Elisabeth Schulz. 2004 hat sie sich erstmals in einem geschlossenen Trauerseminar der ökumenischen Hospizgruppe des Malteser-Hilfsdienstes in Erfurt intensiv mit ihrer Trauer auseinandergesetzt.

Jetzt besucht sie auch das seit Mai bestehende Trauercafé der Malteser, das allen offen stehen soll. Unter dem Motto "In der Trauer nicht allein" kann jeder dorthin kommen, der einen Menschen verloren hat. "Die Trauernden können hier miteinander ins Gespräch kommen. Dabei soll es nicht nur um ihren Verlust, sondern auch um Alltägliches gehen, um ein Stück Leichtigkeit zurückzugewinnen.", erläutert die Leiterin des Cafés Kerstin Koeck, Koordinatorin für Hospizarbeit beim Malteser-Hilfsdienst Erfurt.

Sich seiner Tränen nicht zu schämen

Wer ins Trauercafé kommt, braucht sich seiner Tränen nicht zu schämen: "Hier können Gefühle gezeigt und gelebt werden. Dabei zeigt sich auch, dass Lebensfreude und Trauer zwei Seiten einer Medaille sind", so Koeck. Gemeinsam mit Heike Uhlig, Sozialarbeiterin beim Erfurter Gesundheitsamt, die ehrenamtlich mithilft, betreut sie die Gruppe. "Ich bin glücklich, dass das Trauercafé so gut angenommen wird. Die Trauernden geben einander und auch uns sehr viel", schildert Kerstin Koeck ihre bisherige Erfahrung.

Auch Elisabeth Schulz schätzt das Verständnis der anderen Besucher des Trauercafés und hofft, dort auch neue Freunde zu finden. "Mir hat es sehr geholfen", sagt sie. "Durch die gemeinsame Erfahrung ist da gleich ein Kontakt."

Sie blickt heute nicht mehr nur mit Wehmut sondern auch mit Dankbarkeit auf die 14 gemeinsamen Jahre mit ihrem Mann zurück: "Es war eine wunderschöne Zeit." Und lächelnd erzählt sie von Erlebnissen im Camping-Urlaub, vom Garten und der Lebenslust ihres Mannes. Doch in der Erinnerung schwingt die Trauer immer mit. "Besonders schlimm war es zu begreifen, dass es nicht mehr anders wird", sagt Elisabeth Schulz.

Während es am Anfang Phasen gab, in denen sie nirgendwo hingehen konnte, unternimmt sie jetzt schon Dinge alleine. "Hauptsache ich komme raus." Nur die Rückkehr in die eigenen vier Wände sei immer noch schlimm. Denn da ist niemand, der wartet, dem sie von ihren Erlebnissen erzählen kann. Doch gerade auch wegen ihres Mannes will Elisabeth Schulz ihre Trauer bewältigen. Sie ist überzeugt: "Mein Mann hätte gewollt, dass ich lebe."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 31 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 04.08.2005

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