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Bistum Erfurt

Kirche für die Menschen sein

Katholische Christen in Neustadt / Orla feierten 100 Jahre Kirchweihe

Vor 100 Jahren geweiht: Die katholische Kirche von Neustadt/Orla. Die Gemeinde feierte in diesen Tagen das Jubiläum. Foto: Holger Jakobi

Neustadt/Orla - "Gott will uns auch in Zukunft in seine Schule nehmen", betonte Pfarrer Werner Ciopcia aus Anlass des 100. Weihetages der St. Marienkirche in Neustadt an der Orla. Das Jubiläum wurde Anfang Juli gefeiert.

Einer, der seit fast 60 Jahren zur Gemeinde gehört, ist Alfons Gehrmann: "Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde unsere Gemeinde ein Sammelbecken für die vielen katholischen Flüchtlinge. Hier fanden sie eine neue Heimat. In den Jahren darauf entwickelte sich ein reges und lebendiges Gemeindeleben. Die Kirche war immer voll." Alfons Gehrmann, der selbst seit 1947 in Neustadt lebt, erinnert sich noch gut an die aktive Pfarrjugend, die Bibelkreise, die Laienspiele ... und – schließlich sollte auch die Freude nie zu kurz kommen – an den Fasching, mit dem sich die katholischen Christen schnell im Ort einen Namen machten. Geprägt, so Gehrmann, wurde das Gemeindeleben besonders durch die Seelsorger. Stellvertretend nennt er Dechant Josef Schubert, der von 1958 bis zu seinem frühen Tod 1982 Pfarrer war. Wichtig waren außerdem die Schönstätter Marienschwestern, die von 1945 bis 1982 in der Seelsorge mitarbeiteten.

Auch Peter Paul Petzold ist in der Gemeinde aufgewachsen, "die unser Zuhause wurde". Gern erinnert er sich an den Umbau der Pfarrkirche in den 70er Jahren. "Es war eine Zeit, in der wir zusammengewachsen sind. Wir haben als Gemeinde alles, was irgendwie möglich war, selbst gemacht." Heute bedauert Peter Paul Petzold, dass die Gemeinde in den zurückliegenden Jahren stark geschrumpft ist. Derzeit ist es besonders die Jugend, die in der Region kaum eine Perspektive sieht.

Zur Jubiläumsfeier waren zahlreiche ehemalige Neustädter und Seelsorger gekommen. Darunter Priester, die in der Gemeinde oder der Region wirkten. Pater Klaus Krenz, der heute im Schönstattzentrum Berlin lebt, stammt aus Neustadt. Er erinnert sich gern an die prägenden Jahre seiner Jugend. "In Neustadt traf man auf Christen, die ihren Weg ganz entschieden gingen." So hat er auch die damalige Jugendgruppe erlebt.

Einblicke in die Entwicklung der katholischen Kirche in der Orla-Region gab der Erfurter Kirchenhistoriker Josef Pilvousek. Neben den im 18. und 19. Jahrhundert ins Land gekommenen katholischen Soldaten waren es besonders die zugereisten Arbeiter, die in den aufblühenden Regionen Thüringens Grundlagen für neues katholisches Leben legten. So auch in Neustadt an der Orla: "Der Anschluss an die Eisenbahnline Gera–Saalfeld förderte nicht nur den industriellen Aufschwung, sondern auch den Zuzug von Katholiken". Allerdings dürfte deren Zahl zu Beginn eher klein gewesen sein. Im Jahr 1903 sind zirka 200 katholische Christen in Neustadt und Umgebung ansässig. Daraufhin kommt es zur Erichtung einer Kuratie mit eigenem Seelsorger. Kurze Zeit später ist die Kirche fertig, am 2. Juli wird sie durch Bischof Adalbert aus Fulda geweiht. Die Zahl der Katholiken lag bis 1939 unter 700, allerdings gehörten 99 Orte zum Bereich der Kuratie. Außenstationen waren ab 1923 Auma und ab 1939 Triptis.

Mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Situation vollkommen. Zunächst waren es katholische Saarländer die nach Neustadt evakuiert wurden, Einquartierungen aus Westphalen und dem Rheinland folgten. Die Gottesdienste waren überfüllt; als Aushilfe waren zeitweise zwei Kapläne tätig. Unterstützt wurde die Pastoral durch zwei Schönstätter Marienschwestern, die in dieser Zeit wesentlich dazu beitrugen, "den seelsorglichen und geistlichen Notstand zu lindern." Bedingt durch die Flüchtlinge nach dem Krieg steigt die Katholikenzahl 1948 auf 3055, 2822 davon waren Heimatvertriebene.

Mit Blick auf die aktuelle Situation machte Pilvousek den Neustädtern Mut: Katholische Christen in Thüringen seien heute integriert und geachtet. Sie könnten ihren Glauben frei leben. Aus dieser äußeren Freiheit leite sich jedoch die Frage ab, was mit ihr angefangen werden soll. "Unser Bischof hat dazu aufgerufen, Kirche hier und heute vor allem für die Menschen im Freistaat zu sein. Müssten wir nicht dazu beitragen, dass sie positive Erfahrungen mit Christen machen um den Kern unseres Glaubens, Christus, kennen zu lernen." "Das Evangelium auf den Leuchter stellen" bedeute heute für andere sichtbar zu machen, "woraus und wofür man lebt. Wer überzeugt ist, dass Menschen heute, wie zu allen Zeiten dieses Licht des Evangeliums zur Bewältigung ihres Lebens brauchen, wird diesen Dienst gern leisten. So würde eine Vorschau auf das nächste Jubiläum nicht mit der sorgenvollen Frage verbunden sein: Wie viele sind wir dann noch? Viel eher würde dieser vorausschauende Blick die hoffnungsfrohe Erwartung beinhalten, dass Christus immer neu zum Glauben ruft und Antwortende findet. Dass wir solche Antwortende sind, wünsche ich uns allen."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 29 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 23.07.2005

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