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Auf zwei Minuten

Es gibt ein Leben vor dem Tode

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

In seinem neuen Werk "Der Zahir" schildert Paulo Coelho, wie er bei einem Krankenhausaufenthalt einen Krankenpfleger fragt: "Haben Sie schon einmal über Ihre Beerdigung nachgedacht?" Der Mann denkt zunächst, der Patient sei wohl nicht klar im Kopf. Schließlich antwortet er: "Niemals. Und ich will auch gar nicht daran denken. Genau das nämlich, das Wissen, dass einmal alles enden wird, erschreckt mich zutiefst." Coelho: "Ob Sie wollen oder nicht, ob Sie einverstanden sind oder nicht, der Tod ist unausweichlich. Was halten Sie davon, wenn wir uns darüber unterhalten würden?" Der Krankenpfleger entschuldigte sich und verließ schleunigst das Zimmer, als sei er auf der Flucht … Geht es uns meistens nicht auch so, besonders wenn wir noch jünger sind, dass wir den Gedanken an den Tod verdrängen? Paulo Coelho sieht den Gedanken an das Ende positiv für ein erfülltes Leben. Wenn er für sich "eine Grabinschrift wählen müsste, dann folgende: ,Er war lebendig, als er starb.‘ Das mag wie ein Widerspruch klingen, aber ich kenne viele Menschen, die aufgehört haben zu leben, obwohl sie weiter arbeiten, essen und gesellschaftliche Kontakte pflegen. Sie machen alles automatisch, ohne den magischen Augenblick zu erkennen, den jeder Tag in sich trägt, ohne innezuhalten, um über das Wunder des Lebens nachzudenken, ohne zu begreifen, dass die nächste Minute ihre letzte auf diesem Planeten sein könnte."

Leben ist mehr als bloßes Überleben, als Existieren. Es ist mehr als sich täglich auf festen Gleisen zu bewegen. Coelho spricht von dem magischen Augenblick jeden Tages. Um ihn wahrzunehmen, bedarf es der Offenheit aller Sinne und der Achtsamkeit. Meditation und Gebet sind Voraussetzung, um die Wunder des Lebens zu erkennen. Kindliches Staunen über alles, was wir erleben und was uns begegnet, macht jeden Tag einmalig. Dann etikettieren wir unsere Tage nicht ab mit der Aufschrift: " Nichts Neues. Alles, wie gehabt."

Gerade das Bewusstsein, dass wir endlich sind und dass unsere Zeit kostbar ist, lädt uns zu einem intensiven Leben ein. Es gibt unserem Leben Ernst und Tiefe. Wir erkennen:Unser Leben ist einmalig, dies ist der Ernstfall. Der Philosoph Walter Kaufmann hat das einmal sehr drastisch ausgesprochen: "Für die meisten von uns kommt der Tod nicht früh genug. Durch das Gefühl, der Tod sei fern und belanglos, wird das Leben verdorben und faul … Man führt ein besseres Leben, wenn man ein Rendezvous mit dem Tod ausgemacht hat. Nicht nur die Liebe kann tiefer, inniger und leidenschaftlicher werden, wenn man erwartet, bald zu sterben: das ganze Leben wird dadurch bereichert."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 27 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 08.07.2005

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