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Aus der Region

Das andere Rio

Pfarrer Brack aus Sachsen ist Seelsorger in Brasilien

Pfarrer Arnold Brack (m.) blickt auf Rio Arnold Brack ist Pfarrer des Bistums Dresden-Meißen und arbeitet als Seelsorger in Brasilien. Bereits zwischen 1990 und 1997 war er dort im Bistum Campo Limpo tätig. Nach einem Jahr als Pfarrer in Eisenberg in seinem Heimatbistum, ging er 1998 wieder nach Brasilien -freigestellt für die deutschsprachige Seelsorge in Rio de Janeiro. Was sich hinter dieser knappen Formulierung verbirgt, schildert er selbst in diesem Bericht:
Wenn Touristen von Rio de Janeiro nach Deutschland zurückkehren, dann erzählen sie gern von den Traumstränden Copacabana und Ipanema, von Seil- und Zahnradbahnfahrten auf den Zuckerhut und den Corcovado mit seiner weltberühmten 37 Meter hohen Christusfigur, vom Rockfestival, Karneval und Fußball. Nur selten werden Besucher aus Europa die Möglichkeit haben, die andere Seite der elf Millionen Einwohner zählenden Metropole Brasiliens kennen zu lernen. Wenn mich Freunde aus Leipzig, Magdeburg, Oberhausen, Hamburg oder sonst woher besuchen, ist ihr Interesse groß, das andere Rio kennen zu lernen. Ich möchte Sie einladen, mit mir einen Sonntag in Rio zu verleben.
Der Sonntagsdienst beginnt für mich am Samstagnachmittag. In meinem abgewetzten Tornister packe ich die portugiesische Kinderbibel, Messsachen und eine Flasche Trinkwasser. Zwei junge Begleiter nehmen mehrere Flaschen Erfrischungsgetränke, sowie Kuchen und anderes Essbares mit. Fünf Minuten vom Bonifatiushaus der deutschsprachigen Gemeinde in Rio entfernt, liegt die berühmt-berüchtigte Favela Dona Marta am Corcovadoberg. Auf engstem und steilstem Raum sollen hier zirka 11 000 Menschen leben. Während des 40-minütigen Aufstiegs müssen wir immer wieder verschnaufen, denn 30 bis 40 Grad sind hier keine Seltenheit.
Wir genießen die Aussicht der "Cidade maravilhosa" - der wunderbaren Stadt - und schlängeln uns über enge Pfade vorbei zunächst an kleinen Häusern, dann an Hütten und weiter oben an armseligen Buden. Stinkende Abwässer, Hunde und Ratten kreuzen unseren Weg. Ich muss aufpassen, dass ich nicht in die offenen Kanallöcher oder in Hundedreck trete. Die Leute grüßen uns freundlich. Für jeden, der will, haben wir ein freundliches Wort übrig. Die Kinder laden wir zur Katechese - es gibt ja hinterher Kuchen - und die Erwachsenen zur heiligen Messe ein. Auf dem Weg begegnen uns ständig Prediger mit einer Bibel unterm Arm, die für ihre Kirche werben.

Völlig durchschwitzt kommen wir an der obersten Stelle der Favela an. Hier hat ein Jesuitenpater vor 20 Jahren eine Kapelle zu Ehren der heiligen Marta erbaut. Dona Nininha, unsere Katechistin, erzählt lebendig Geschichten aus dem Neuen Testament. Ich singe und bete mit den Kindern. Wenn dann diese einfachen und liebenswerten Menschen das Wort Gottes hören und Eucharistie feiern, fühle ich mich so berührt wie es wohl die ersten Christen in der Urgemeinde in Jerusalem waren. Dona Marta ist wie jede andere Favela von Rio Umschlagplatz von Drogen. Hier gibt es viel Gewalt. Die Kinder, die in der Favela leben, haben schon Schreckliches erlebt. Unsere St. Bonifatiusgemeinde gibt deshalb 50 Kindern während der Woche ein Heim, wo sie essen, spielen, beten dürfen und besonders "Carinho" (Liebe) erfahren. Bevor es dunkel wird, muss ich wieder unten sein, nicht nur wegen des schlecht beleuchteten Weges ...

Um acht Uhr am Sonntag feiere ich jede Woche in der Kirche Saõ João Batista den Gottesdienst. 300 meist ältere Leute singen und klatschen gern zum Rhythmus der Gitarre - wenn auch nicht ganz so begeistert wie die jungen Brasilianer -, sie fassen sich beim Vaterunser an den Händen und umarmen sich zum Friedensgruß. Um zehn Uhr feiere ich dann im St. Bonifatiushaus Gottesdienst in deutscher Sprache. Die Gemeinde ist klein. Sie erinnert mich an die ostdeutsche Diaspora, wo unsere Gläubigen weite Wege zurückzulegen haben. Das Wort Gottes in ihrer Muttersprache verkündet und die deutschen Kirchenlieder und Bräuche geben den Gemeindemitgliedern ein Zuhause in der Kirche. Wenn wir Gäste, die zeitweilig in Rio wohnen oder arbeiten, oder Touristen aus Deutschland begrüßen dürfen, freuen wir uns immer besonders. Ein empfehlenswerter Brauch, ein "Cafezinho" nach dem Gottesdienst, wozu jeder mit jedem sprechen kann, lässt die Gemeinde zu einer Heimstätte werden.

Nach einer kurzen Siesta fahre ich etwa eine Stunde immer in der Nähe der Atlantikküste durch Rios Neustadt Barra de Tijuca zum deutschen Seniorenheim Humboldt. Die Hälfte der Heiminsassen sind schon Brasilianer, und so muss ich immer wieder die Sprache wechseln, denn: Die deutschen Senioren wollen in ihrer Muttersprache angesprochen werden, die Brasilianer aber verstehen außer dem Amen nichts weiter. Nach dem Gottesdienst plaudern wir noch ein wenig und wenn ich Zeit habe, besuche ich alte Leute in ihren einfachen, doch sehr schönen Häuschen.

Dann fahre ich weiter, nur wenige Kilometer nördlich ziehen sich die lang dahingestreckten Favelas durch die Hügellandschaft Rios und weiter in die Baixada Fluminense der Vorstädte. Millionen von Menschen leben hier. In einer 45-prozentigen Steigung geht es den Morro alemão hinauf. Da muss schon mein Schutzengel helfen, dass die löchrige, enge Straße nicht nass ist oder Gegenverkehr ein Ausweichen unmöglich macht. Ganz oben wohnen wohl die ärmsten Leute der Stadt in schäbigen Hütten, die einem baufälligen Ziegenstall in Deutschland vergleichbar sind. An der Seite eines freien Platzes - hier spielen die jungen Leute gerne Fußball - steht ein windschiefer unverputzter Bau, die "Kirche" der Gemeinde São Miguel.

Eine Steyler Missionsschwester und Katechisten bereiten den Gottesdienst vor. Ich bin ergriffen, wenn ich den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ihren unglaublichen Problemen das Wort Gottes verkünden darf. In Gedanken sehe ich die supermoderne Kathedrale von Rio und die luxuriösen fast leer stehenden Kirchen in Deutschland - und ich frage mich, ob hier und dort dasselbe Evangelium verkündet wird. Dann fällt mir das Wort Jesu ein: "Ich bin gesandt, den Armen die Frohe Nachricht zu bringen ..." (Lk 4,18), und verstehe mehr. Nach der Messe verteilen wir Lebensmittel an die Leute, die von unserer Bonifatiusgemeinde gestiftet werden. Leider darf ich mich nicht allzu lange in den Hütten aufhalten, denn auch hier muss ich vor dem Dunkelwerden unten sein.

Nach Hause fahren kann ich nicht, ohne unserem Haus São V../../incente de Paulo einen Besuch abzustatten. Vor kurzem erst haben wir dieses Haus mit Hilfe deutscher Freunde gekauft, um etwa 30 Kindern des Morro alemão ein Zuhause zu geben, um abends mit Jugendlichen über ihre Probleme zu sprechen und um miteinander die Heilige Schrift zu lesen und den Rosenkranz zu beten. Die Heimeltern sind Paulinho und Zélia, ein junges Ehepaar. Vielleicht wird hier eines Tages eine "Comunidade" (Gemeinschaft) entstehen.

Wenn ich gegen 20 Uhr im Bonifatiushaus ankomme - der Weg führt mich über die zehnspurige Avenida do Brasil und durch den drei Kilometer langen Tunnel durch den Christusberg - muss ich noch Geraldo, Maria und Eliana anrufen, ob denn alles in den "Crechen" (Kindertagesstätten) und Vorschulen von São Paulo mit 350 Kindern gut läuft. Und wenn sie sagen "Todo bem" - Alles ist in Ordnung - kann ich beruhigt meine Komplet beten, meine weiteren fünf Crechen in der Bahia und alle lieben Freunde in Deutschland, die uns wie auch immer helfen, ins Gebet einschließen und im Herzen bewahren.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 29 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 19.07.2001

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