Aus der Region

Schmetterlingskinder

Bestattungen für Tot- und Fehlgeburten in Leipzig

Jährlich kommen in Deutschland rund 3000 Kinder tot zur Welt. Während ein großer Teil von ihnen früher mit dem "Klinikmüll" entsorgt wurde, gibt es heute vielerorts Initiativen, die Möglichkeiten einer Bestattung bieten und Eltern so helfen, Abschied zu nehmen. Ein Beispiel aus Leipzig:

Sechs kleine Särge stehen auf den beiden Bestattungswagen an der Spitze des Zuges. Jeder geschmückt mit einem Kranz leuchtend gelber Sonnenblumen. Hinter den Wagen laufen vielleicht 70 Menschen. Es ist bewölkt. Der böige Wind bringt von Zeit zu Zeit die Blätter der alten Friedhofsbäume zum Rauschen. Sonst ist es ganz still.

Sechs Kindersärge – das Bild erzählt von einer Katastrophe, die passiert sein muss. Das Unglück, das die Menschen an diesem Morgen auf dem Lindenauer Friedhof miteinander teilen, ist eine Fehlgeburt. Für die betroffenen Familien eine Katastrophe, die aus Sicht der Initiatoren der Bestattungsfeier von der Arbeitsgruppe "Schmetterlingskinder" bisher als solche nicht ernst genug genommen wurde.

Kein Recht auf einen eigenen Namen

Denn laut sächsischem Bestattungsgesetz besteht für Kinder unter 500 Gramm Geburtsgewicht keine Bestattungspflicht. Und in einem anderen Gesetz, dem Personenstandsgesetz, steht sogar, dass Kinder erst ab diesem Gewicht als Personen gelten und auch erst dann einen Namen bekommen.

Diesen Kindern trotzdem eine würdige Ruhestätte zu geben und damit den Eltern beim Abschiednehmen zu helfen, war seit Herbst 2003 das Ziel der ökumenischen Arbeitsgruppe. Unter dem Dach des Hospizvereins Leipzig arbeiteten Menschen zusammen, die in ihren beruflichen oder persönlichen Erfahrungen mit dieser Problematik konfrontiert worden waren.

Nach hürdenreichem Lauf endlich am Ziel

Nach einem hürdenreichen Weg sind sie jetzt am Ziel. Für Ulrike Nieß, eine der Pflegedienstleiterinnen am St.-Georg-Krankenhaus und Leiterin des Projekts, ist der Tag etwas ganz Besonderes, "weil das hier nicht von der Stadt kommt, sondern von Leuten, denen es ein Anliegen war".

Der Weg über den Friedhof zum "Ruhegarten für Schmetterlingskinder" ist lang. Mit aufeinander gepressten Lippen trägt ein Vater einen Kranz aus violetten und weißen Blumen im Arm. Auf den seidig glänzenden, weißen Bändern steht in goldenen Buchstaben: "Unserem lieben Luca in ewiger Erinnerung. Deine Mama und dein Papa." Die Frau neben ihm weint leise. Sie hält ein paar selbst gepflückte Stiefmütterchen in der zittrigen Hand.

Dass so viele Eltern gekommen sind, zeigt, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. Über 200 zwischen Herbst 2003 und heute fehlgeborene Kinder werden beerdigt. "Diese große Zahl macht darauf aufmerksam, dass es sehr viel mehr Betroffene gibt, als wahrgenommen wird", sagt Pfarrer Hans-Christoph Runne, Geschäftsführer des Diakonissenkrankenhauses. "Es war höchste Zeit, dass es das für Leipzig gibt." Denn, was in einigen anderen Städten schon eine Weile existiert, gab es hier bislang noch nicht. Ab jetzt soll es zweimal im Jahr eine solche Gedenkfeier geben, die nächste im Herbst.

Begonnen hatte diese erste im Andachtsraum des Diakonissenkrankenhauses. Dort konnten die Eltern für jedes Kind einen kleinen, gelben Filzstern beschriften und auf ein nachtblaues Tuch legen. "Noch einmal soll das Leben der Kinder kurz aufleuchten", so die Worte der begleitenden Meditation.

Sterne als Ersatz für den Grabstein

Auf einem Stern war zu lesen "Für Nathanael. Mach’s gut, mein Schatz, bis zum Wiedersehen!", auf einem anderen "Lass es dir gut gehen, mein Kleiner!". Oder einfach "Anja", "Conny", "Ada" – die Namen, die die Fehlgeborenen laut Gesetz nicht bekommen durften. "Es ist wichtig für die Eltern, den Kindern einen Namen zu geben", sagt Nieß. "Die Sterne sind der Ersatz für einen Grabstein".

Der Trauerzug ist an der Grabstelle angekommen. Die spiralenförmige Erdböschung, an deren Fuß die kleinen Särge gleich beerdigt werden, ist noch kahl. In wenigen Monaten soll hier der "Ruhegarten" blühen. Im Zentrum der Spirale wird es dann einen stillen Brunnen aus kleinen Mosaiksteinen geben. "Die Trauer der Eltern braucht einen Ort, wo sie hingehen können", sagt Beatrix Lewe vom Vorstand des Hospizvereins.

Als die Särge nacheinander langsam in die Erde gelassen werden, reißen für einen kurzen Moment die Wolken auf und die Sonne scheint auf den "Ruhegarten für Schmetterlingskinder".



Kontakt

Bestattungsmöglichkeiten für fehl- und tot geborene Kinder, die nicht der gesetzlichen Bestattungspflicht unterliegen, gibt es inzwischen in mehreren Städten. Im Tag des Herrn-Verbreitungsgebiet unter anderem in:

  • Aue: Klösterlein Friedhof
    Kontakt: Pfarramt Annett und Frank Pierel
    Pfarramtstr. 11
    08280 Aue
    Telefon: (03771) - 55 11 95
    E-Mail: pierel@t-online.de

  • Chemnitz: Hauptfriedhof
    Kontakt: Hospizdienst Chemnitz
    Dorothee Frölich-Mestars
    Telefon: (0371) - 35 60 006

  • Dessau: Zentralfriedhof Dessau – Groß Kühnau
    Kontakt: Seelsorgerin Rosemarie Bahn
    Telefon: (0340) - 50 11 242
    E-Mail: SKD.Seelsorge@t-online.de

  • Greiz: Städtischer Friedhof in der Leonhardtstraße
    Kontakt: Klinikseelsorger Pfarrer Herrmann Rose
    Telefon: (03661) - 25 03

  • Halle: Südfriedhof
    Kontakt: Frau Bergert
    Telefon: (0345) - 21 34 024

  • Leipzig: AG "Schmetterlingskinder"
    c/o Caritasverband Leipzig
    Schwangerschaftsberatungsstelle
    Emil-Fuchs-Straße 5-7
    Telefon: (0341)- 98 05 089

  • Stendal: Städtischer Friedhof
    Kontakt: Klinikseelsorgerin Pastorin Bayer
    Telefon (03931)- 6 66
    Aktuelle Adressen und Infos: www.initiative-regenbogen.de

    Hintergrund

    Drei Begriffe, die beim Thema eine wichtige Rolle spielen:

    Fehlgeburt:

    Als Fehlgeburt (Abort) bezeichnet man tot geborene Babys mit einem Gewicht unter 500 Gramm. Erfolgt die Fehlgeburt bis zur zwölften Schwangerschaftswoche spricht man von früher Fehlgeburt, sonst (bis zur 25. Schwangerschaftswoche) von später Fehlgeburt. Fehlgeburten können in den meisten Bundesländern auf Wunsch der Eltern bestattet werden. Allerdings ist das nicht überall gesetzlich geregelt.


    Totgeburt:

    Unter einer Totgeburt versteht man die Geburt eines im Mutterleib oder während der Geburt gestorbenen Kindes mit einem Gewicht von mehr als 500 Gramm. Das Baby wird standesamtlich registriert, unterliegt jedoch bis zu einem Gewicht von 1000 Gramm nicht in allen Bundesländern der Bestattungspflicht. Es ist überall möglich, die tot geborenen Kinder unter 1000 Gramm zu bestatten. Mittlerweile wird auf Wunsch der Eltern der Vor- und Familienname eines tot geborenen Kindes im Geburtenbuch eingetragen.


    Frühgeburt:

    Eine Frühgeburt ist eine Lebendgeburt mit einem Gewicht unter 2500 Gramm bis zur 37. Schwangerschaftswoche. Ursache für das Sterben Frühgeborener können Fehlbildungen, aber auch angeborene oder postnatal erworbene Krankheiten sein. Sie gelten im Sinn des Gesetzes als Personen und unterliegen der Bestattungspflicht.

    Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
    Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 26.06.2005