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Christ-Sein für andere

Pastoraltheologe Emeis über die Herausforderungen der neuen Diaspora

Dieter Emeis: Christ-Sein wird künftig stärker durch Berufung und Glaube als durch Hineingeborenwerden in einen christlichen Lebenszusammenhang gekennzeichnet sein. Foto: kna

Kürzlich fand in Leipzig ein Forum zur pastoralen Situation in den Bistümern Dresden– Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg statt. Als Referent war der Osnabrücker emeritierte Pastoraltheologe Dieter Emeis eingeladen. Der Tag des Herrn sprach mit ihm.

    Herr Professor Emeis, Ihren Überlegungen zufolge ist es Aufgabe der Gemeinden, "für Menschen in pastoralen Dienstleistungen dazusein und das Licht des Evangeliums leuchten zu lassen". Wie kann es gelingen, möglichst viele Christen für diesen Auftrag zu sensibilisieren und zu einem Mentalitätswandel von der versorgten zur missionarischen Gemeinde zu führen?

Die Erfahrungen auf dem Weg von versorgten Pfarreien zu Gemeinden mit einem lebendigen Sendungsbewusstsein zeigen, dass er nicht mit allen, sondern mit einer Minderheit zu gehen ist. Realistisch ist davon auszugehen, dass sehr viele Kirchenmitglieder pastoral versorgt sein wollen und keine Beziehung zu einem Christsein- für-andere haben. Sie können diese auch nicht so ohne weiteres aufbauen. Umso wichtiger ist die Sammlung derer, die zusammen mit anderen für die Menschen ihres Lebensraumes Kirche sein möchten. Die Kirche kann das Licht des Evangeliums nur dann für andere leuchten lassen, wenn sie Menschen versammelt, die sich von diesem Licht erleuchten lassen und dadurch davon Zeugnis geben können. Sammlung und Sendung gehören zusammen. Wir brauchen darum Orte, an denen die, die vom Ruf des Evangeliums ergriffen sind, Gemeinschaften miteinander geteilten Glaubens bilden.

    Es fehlt bei vielen Christen das Selbstbewusstsein, mit dem Glauben etwas zu haben, das auch andere brauchen. Wie lässt sich das Bewusstsein dafür stärken?

Gerade die neue Diaspora, in der die Christen eine Minderheit darstellen, fordert zu einem geklärten Taufbewusstsein heraus. Es muss herausgestellt werden, welche einzigartige Würde dem Menschen in der Taufe geschenkt und erneuert wird. Es muss aufleuchten, welches einzigartige Vertrauen in das Leben möglich wird, wenn Christen das "Vater unser" beten dürfen. Es müssen Erfahrungen ausgetauscht werden mit den einzigartigen Anregungen, die Menschen in bewusster Offenheit für den Heiligen Geist erfüllen können. Die Kirche hat dazu ein "Projekt", das allerdings oft übersehen und darum kaum genutzt wird: die österliche Bußzeit. Sie ist die Zeit der Tauferneuerung, in der sich die Christen in jedem Jahr neu der Berufung und Sendung ihrer Taufe bewusst werden sollen. Nach Jahrhunderten, in denen die Taufe vielerorts eine Selbstverständlichkeit war, leben nun immer mehr Christen in einer Welt, in der die Taufe einerseits von den "anderen" unterscheidet und andererseits für diese "anderen" in Dienst nimmt.

    Gehören zu den zu erbringenden Dienstleistungen auch solche, die bisher nicht zum üblichen kirchlichen Handeln zählten, wie zum Beispiel Feiern zur Lebenswende oder zum Valentinstag?

Vertrauen entgegenbringen, dass sie ihnen etwas für ihr Leben Hilfreiches mitteilen und mit ihnen einen Weg gehen kann, dieses zu feiern, sollte die Kirche diesem Vertrauen entsprechen – vorausgesetzt, sie hat die Kräfte dazu. In dem dabei entstehenden Austausch gibt es Möglichkeiten, den Menschen etwas vom Evangelium aufleuchten zu lassen. Das schließt natürlich ein, dass dabei nicht einfach alles, was die Menschen leben und erwarten, unkritisch gesegnet und gefeiert wird. Es muss um Lebensentwürfe gehen, die dem wahren Leben dienen. Die Offenheit dafür wirkt der Geist Gottes auch bei Menschen, die nicht in die Kirche eingegliedert sind.

    Braucht es andere Gottesdienstformen, um am Rande Stehenden deutlich zu machen, was Christsein ist? Wie können solche Gottesdienste aussehen?

unseres Interviews sicher zu eng. Für die Suche nach einer Antwort müsste man zudem Erfahrungen einbeziehen, die ich nicht habe. Ich bin allerdings ziemlich sicher, dass es in diesen Liturgien um ein "Klima" der Offenheit für das Geheimnis im Leben gehen muss. Das hat viel mit innerer Sammlung und Stille zu tun, mit sparsamen Worten, die wirklich etwas sagen, und mit einer Musik, in der Menschen zur Ruhe kommen können.

    Wie können Menschen lernen, über ihren Glauben zu sprechen?

Sprechen lernen Menschen nur durch das Sprechen. Der Glaube kommt zwar vom Hören. Darum kommt vor dem Sprechen immer die Offenheit für das, was von Gott her gesagt wird. Gerade im Hören öffnet sich der Ort für die Glaubenssprache. In Gemeinschaft kann man austauschen, was den Einzelnen im Hören auf das Wort Gottes gesagt wurde und auch, was uns gemeinsam gesagt sein soll. Das kann in gegenseitiger Ergänzung oder auch Kritik geschehen. Es geht in der Glaubenssprache nicht um ein Sprechen über einen von uns getrennten "Glauben der Kirche", sondern um unseren Glauben als Kirche. Erst wenn wir davon sprechen lernen, wird er wirklich unser Glaube und können wir ihn bezeugen.

    Engagierte Seelsorger und Gemeindemitglieder sind in den ostdeutschen Diözesen seit Jahren dabei, neue Wege zu gehen. Sehen Sie Felder christlichen Engagements, die im Sinne des Für-andere-Kirche- Seins zu wenig genutzt werden?

Ich übersehe die Praxis in den ostdeutschen Bistümern zu wenig, um hier eine begründete Antwort geben zu können. Vielleicht nur ein Hinweis, der auch für die westdeutschen Bistümer gilt: Vielleicht bevorzugen wir in unseren Schulen und auch in den verschiedenen Aktivitäten der Erwachsenbildung die sozial Privilegierten vor den sozial Schwächeren oder sogar ganz Schwachen.

    Sie sagen: Wir stehen am Beginn einer neuen Kirchengeschichte, weil erstmals die Menschen gefordert sind, sich völlig frei für den Glauben zu entscheiden. Wie wird diese möglicherweise aussehen?

Mit Gewissheit kann man eigentlich nur sagen, dass die Kirche der Zukunft nicht aussehen kann wie die Kirche der jüngeren Vergangenheit. Eines unserer bekannten Kirchenlieder beginnt "Gott ruft sein Volk zusammen". Das geschieht nicht zuletzt durch das Lebens- und Wortzeugnis überzeugter und überzeugender Christen und christlicher Gemeinschaften. Was der Geist da unter uns wirkt, können wir nur ermöglichen und erbitten, nicht voraussehen. Und wir können auch nur erbitten und nicht voraussehen, dass der Ruf Gottes von Menschen im Glauben beantwortet wird. Wohl können wir sagen, dass das Christwerden stärker durch Berufung und Glaube als durch Hineingeborenwerden in einen christlichen (oder christentümlichen) Lebenszusammenhang gekennzeichnet sein wird.

Fragen: Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 24 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 18.06.2005

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