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Aus der Region

Die Schule ist kein Zulieferer der Industrie

Erfurter Pädagoge fordert humanistisches Bildungsideal

Erfurt (as/tdh) - "Die Schule ist kein Zulieferer der Industrie". Die Botschaft des Erfurter Pä-dagogen Michael Friese ist eindeutig. Er spricht es nicht deutlich aus, aber sein Beitrag "Schule und Leben" in der jüngsten Ausgabe der "Erfurter Blätter" liest sich wie eine Kritik an Äußerungen von Vertretern der Arbeitgeberverbände, die unlängst von den Lehrern ein "stärkeres wirtschaftliches Denken" gefordert hatten.

Friese, Lehrer am evangelischen Ratsgymnasium in Erfurt, kritisiert vor allem die Eignungskriterien der Personalabteilungen in der Industrie. Der Schulabgänger von heute müsse Universalkenntnisse besitzen, die sich weder der Schüler aneignen noch die Schule vermitteln könne. Wer immer auch sich zu Wort melde, so Friese, stelle aus seiner Sicht Forderungen, die sich in ihrer Summe "nicht nur gewaltig auftürmen, sondern zum Teil sogar untereinander widersprechen".

Hier müssten Überlegungen zu einem positiven Schulansatz einsetzen. "Die vielfältigen Forderungen der Wirtschaft können nicht nur nicht erfüllt werden, sondern sie dürfen es auch nicht", schreibt Friese. Schule bereite nicht nur auf die Arbeitswelt vor, sondern auf mehr. Er schlägt im Wesentlichen drei Lösungen vor: Den Schülern müsse wieder "der christliche Glaube als bedenkenswerter Lebensentwurf" angeboten werden, ganz gleich, welche Studienrichtung sie wählen und welchen Beruf sie ausüben werden. Hervorgehoben werden müsse zum Zweiten das humanistische Profil in der Bildung: "Europa ist ohne die Antike nicht zu verstehen. Philosophie, Naturwissenschaften und Recht der Griechen und Römer bilden gleichsam das Fundament, auf dem sich das sehr komplexe Gebäude der heutigen europäischen Kulturlandschaft erhebt". Zum Dritten müsse den Schülern die Gelegenheit gegeben werden, alle Bereiche ihres Menschseins zu entfalten. Kreativität, Emotionalität und Muse seien Qualitäten, die mit entwickelt werden müssten. In der rationalisierten und ökonomisierten Welt gehe es nicht nur um Effektivität und Gewinn, sondern auch darum, "glücklich zu werden". Deshalb müsse die Schule besonders die musischen Fähigkeiten der Schüler fördern.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 29 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 19.07.2001

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