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Bistum Görlitz

Über den Tellerrand hinaus blicken

Der frühere Diözesanratsvorsitzende Alois Seewald plädiert für gemeinsames christliches Handeln

Cottbus (as) - Als Flüchtlingskind kam er 1945 aus Oberschlesien nach Cottbus. Alois Seewald hat das kirchliche Leben an Neiße und Spree wesentlich mitgeprägt.

Eigentlich wollte die Familie weiter nach Süden ziehen. "Dann wurde mein Bruder in Cottbus geboren, und hat uns hier gewissermaßen festgehalten", erinnert sich Alois Seewald. Die Not war zu groß, der Junge starb, wie auch ein anderes Geschwisterkind. Aber die Familie blieb.

Alois Seewald hat in Cottbus schnell ein neues Zuhause gefunden, hat Freunde kennen gelernt, ging in die Schule und zum Religionsunterricht. Später hat er hier auch studiert und geheiratet. Stolz ist er noch heute auf eine Bibel, die ihm der damalige Kaplan seiner Gemeinde, Gerhard Schaffran, geschenkt hat. "Bewahrt das anvertraute Gut", lautet die Widmung aus dem ersten Timotheusbrief. Ein Bibelwort, das für Seewald zu einem Leitwort seines Lebens geworden ist.

Leute für die Kirche zu begeistern, sich verantwortlich zu fühlen, sei eigentlich immer sein Anliegen gewesen, meint der gelernte Architekt, der im April seinen 70. Geburtstag feierte, rückblickend. "Wir haben als Studenten den ersten Schaukasten an unserer Kirche gestaltet, der viel Beachtung fand. Eingeworfene Scheiben haben uns dabei nicht aufgehalten." Heute, als Pensionär, kümmert er sich um den Pfarrbrief. "So schließt sich der Kreis". Dazwischen lagen viele Jahre des Engagements. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil war er als einer der ersten Mitglied und später Sprecher des Pfarrgemeinderates seiner Pfarrei sowie Mitglied des Pastoralrates des Bistums. 1992 baute er mit Pfarrer Christoph Bockisch den Diözesanrat auf und war bis 2000 dessen Vorsitzender. Bis 1998 saß er im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und war an der Entwicklung des Pastoralplanes für das Bistum Görlitz beteiligt. Kraft für all die Aktivitäten gab ihm vor allem die Familie. Die drei Kinder sind allerdings längst aus dem Haus. Heute mehr denn je ist für Alois Seewald das Beispiel der Eltern und ein gelebter Glaube in der Familie die Gewähr dafür, dass "dieses kostbare Gut weitergetragen wird".

Wie viele Christen in der früheren DDR, hat Seewald auch berufliche Nachteile hinnehmen müssen. Als Stadtplaner war sein Aufstieg begrenzt. Vertrauensperson für seine Kollegen war er trotzdem. "Überall, wo ich tätig war, wusste man sehr schnell, dass ich katholisch bin", sagt Seewald mit einem Schmunzeln. Aber die Menschen verhielten sich keineswegs ablehnend, sondern öffneten ihm die Herzen, eine Tatsache, die dem "wertkonservativen" Katholiken, wie er sich selbst bezeichnet, bis heute überrascht. "Eine Rolle hat dabei sicher gespielt, dass Katholiken nicht systemkonform waren. Bei denen konnte man dann schon mal seinen Frust ablassen."

Mit der Wende ergaben sich auch für Alois Seewald neue Möglichkeiten: Als Geschäftsführer der Regionalplanung für Südbrandenburg hat er viele Projekte angestoßen, die die Region zum Beispiel im Tourismusbereich attraktiver machen sollen. Den Pessimismus im Osten kann er nicht teilen. "Wichtig ist, dass wir die Probleme gemeinsam anpacken", ist Seewald überzeugt. Dies gelte auch für die Kirche. "Unsere kleinen Gemeinden müssen mehr zusammen tun und über den Tellerrand hinaus blicken", gibt er besonders den jüngeren Christen mit auf den Weg.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 20 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 19.05.2005

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