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Aus der Region

Ich trage keine Schuld, aber Verantwortung

Brauner Sumpf in der Familie: Dritte Generation setzt sich mit Naziverbrechen auseinander

Kein Schlussstrich: Uwe von Seltmann blättert in seinem Buch über die NS-Vergangenheit in seiner Familie. Angesichts der Wahlerfolge von DVU und NPD gewinnt das Buch an Aktualität.

"Ich halt das nicht aus!", sagt eine Frau und bricht in Tränen aus. Schreiend rennt sie aus der Veranstaltung. So sehr wühlt sie das vorgestellte Buch "Schweigen die Täter, reden die Enkel" auf. Claudia Brunner und Uwe von Seltmann schildern darin ihre Spurensuche. Brunners Großonkel Alois Brunner war als rechte Hand Eichmanns für die Ermordung von 130 000 Juden verantwortlich. Seltmanns Opa Lothar von Seltmann schlug 1943 den Warschauer Ghetto- Aufstand mit nieder.

"Moralische Schuld vererbt sich nicht, aber die psychischen, moralischen und sozialen Folgen ihres Beschweigens beschädigen noch die folgenden Generationen", meint Uwe von Seltmann. Das Wort "Beschweigen" wählt er gezielt. Lange Zeit spürte er es in der Familie. "Es wurde nie über ihn geredet. Er war ein Tabu", erzählt der Journalist und evangelische Theologe über seinen Großvater. "Das Einzige, was wir wussten: Er galt in Schlesien als vermisst; womöglich gefallen bei der Verteidigung der Festung Breslau; und er war bei der SS."

"Warum interessiert Sie jüdisches Leben?"

In der Krakauer Remuh-Synagoge erlebte der Autor etwas sehr Bewegendes. "Warum interessiert Sie das jüdische Leben?", wurde er gefragt. "Warum haben Sie sich im Studium mit dem Judentum auseinandergesetzt?" Warum? Warum? "Sie interessieren sich für Juden, weil Sie sich schuldig fühlen", sagte ein in London lebender Jude in der Krakauer Synagoge Uwe von Seltmann auf den Kopf zu. "Sie fühlen sich schuldig für das, was ihr Großvater getan hat -was immer es auch war."

"Oft habe ich mich später gefragt: War das Einbildung oder Realität?", erinnert sich der Autor. Sein Großvater? Der Charmeur? Der getaufte, hochgebildete Katholik und treu sorgende Vater? Ein fanatischer Antisemit? Bis heute kennt Uwe von Seltmann keine Antwort auf diese Schizophrenie. Bertrand Perz, ein erfahrener Wiener Historiker, öffnete ihm mit Dokumenten die Augen. "Er half mir mit seinem Fachwissen, die Ereignisse einzuordnen", sagt Seltmann, der heute in Leipzig Chefredakteur der evangelischen Wochenzeitung "Der Sonntag" ist. Viel Literatur hat er seit jener Begegnung gewälzt. Warum wühle ich in dem braunen Sumpf? Oft hat er sich das gefragt.

Mitautorin Claudia Brunner ging es ähnlich. Die Suche nach der Wahrheit über ihren Großonkel charakterisiert sie als "Phantomschmerzen". Ein Leiden wegen eines Unbekannten. Der gilt bis heute als einer der meistgesuchten Verbrecher der NS-Zeit. Äußerste Brutalität und Unbeirrbarkeit kennzeichneten ihn. Bis Oktober 1942 sorgte Alois Brunner in Wien für die Deportation von rund 50 000 Juden. "Im Herbst 1943 ist Brunner in leitender Position an der brutalsten Menschenjagd während des Zweiten Weltkriegs beteiligt", schreibt die Großnichte. An der Cote d'Azur, in und um Nizza, wo auch viele nicht französische Verfolgte Zuflucht suchten, fanden Massenverhaftungen von bisher unbekannter Brutalität statt. Mehrfach hat Claudia Brunner in Referaten über all dies geredet. Oft fühlte sie sich mit der bedingungslosen Verurteilung der Verbrechen alleingelassen in der Familie.

Reden beide Autoren über das Buch, öffnen sich andere. Enkel, die keine Antwort auf die Taten ihrer Großeltern während der NS-Zeit finden. Töchter oder Väter, die Scham und Schuld spüren und nicht damit umgehen können. Wie sie hat auch Uwe von Seltmann an seinem Glauben gezweifelt. Existentiell gezweifelt. Ist Jesus mit seiner Botschaft gescheitert? Wie wenig Kraft hat der christliche Glaube, dass aus seiner Mitte etwas so Menschenverachtendes hervorgeht? "Ich weiß, dass ich keine Schuld trage. Doch ich trage Verantwortung", betont er. "Verantwortung, damit sich die NS-Zeit nie wiederholt."

In der eigenen Familie hat sich das Verhältnis zu seinem Vater entspannt. Lange trug dieser die Last der Vergangenheit in sich. Erst sein Sohn, die dritte Generation, hatte genug Abstand, diese Bürde aufzuarbeiten. "Mein Vater ist sehr dankbar dafür", erzählt Uwe von Seltmann. In Görlitz, wo er längere Zeit lebte und sich nach wie vor wohlfühlt, setzt er sich heute für die dringend nötige Sanierung der Synagoge ein. 1938 überstand sie als einziges jüdisches Gotteshaus in Sachsen die Kristallnacht. Beherzte Görlitzer löschten das brennende Gebäude. 650 bis 700 Juden gehörten damals zur Gemeinde. Ihre Synagoge gilt als Juwel der Jugendstil-Architektur mit erstaunlicher Akustik. "In der DDR-Zeit verrottete sie fast", schildert Uwe von Seltmann. Im Förderkreis Görlitzer Synagoge -gegründet im Mai als Verein -engagiert er sich.

NDP-Wahlerfolge: Genauso fing es damals an

Der Aufschwung der NPD, ihr profihaftes glattes Auftreten im Sächsischen Landtag beunruhigt ihn. "Es sind nicht nur Protestwähler." Diese Antwort wäre Uwe von Seltmann zu einfach. "Wer wirklich Protest zeigen will, könnte eine andere Partei wählen." Gerade weil die NPD in Tradition der NSDAP steht, ist sie besonders gefährlich. "Für Christen nicht hinnehmbar. Auch nicht wählbar", sagt der Journalist. Er erzählt von Älteren, die ihm sagen "Genauso fing es damals an." Das lässt ihn aufhorchen. Innerlich aufschreien. Mehrere kritische Artikel hat er im "Sonntag" zum Thema verfasst. Mancher hält ihn deshalb für einen Demagogen. Und ein älterer Pfarrer im Ruhestand bestellte gar die Zeitung ab "Von einem Wessi lass ich mir nicht vorschreiben, was ich zu wählen habe", so der verbitterte Kommentar. Nach der Verharmlosung Hitlers und seiner Verbrechen hat der Pfarrer nicht gefragt. "Es ist längst kein Makel mehr, rechtsaußen zu sein", meint Uwe von SeItmann. "Das rechtsextreme Gedankengut ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen."

Andreas Kirschke



Informationen
Claudia Brunner, Uwe von Seltmann:
Schweigen die Täter reden die Enkel; Edition Büchergilde,
Frankfurt am Main:
ISBN 3-936428-26-3; Preis 19,90 Euro
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 4 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 30.01.2005

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