Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Bistum Dresden-Meißen

"Er sieht mich und hört mir zu"

Die 15-jährige Schülerin über ihren Glauben

'Sehbehinderung kann auch ein Segen sein': Lydia Hänsel aus Neustadt in der Sächsischen Schweiz.

Chemnitz (dw) - "Wer bin ich? Was denken andere über mich? Was glaube ich?" Mit diesen Fragen sollten die Achtklässler der Sächsischen Blindenschule in Chemnitz sich in einem Aufsatz im katholischen Religionsunterricht beschäftigen.

Religionslehrerin Leonore Ogonovszky war besonders beeindruckt von einem der Aufsätze, die kürzlich auf ihrem Schreibtisch landeten. Die 15-jährige Lydia Hänsel aus Neustadt in der Sächsischen Schweiz schrieb zum Beispiel über ihre hochgradige Sehbehinderung: "Das ist eine Tatsache, die ich lange als eine Last empfunden habe. In den letzten Jahren aber, nach reiferer Erkenntnis, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass es ein Segen sein kann. Denn es ist manchmal besser, wenn man auf dieser Welt manche Dinge nicht sieht. Viele lassen sich von optischen Dingen zu sehr täuschen und vergessen das Wesentliche dabei ..."

Auf wen ist absolut Verlass?

Nach ihrem Glauben gefragt, schrieb die Achtklässlerin unter anderem: "Es gibt viele Menschen heutzutage, die an nichts mehr glauben oder an sich selbst. An sich selbst zu glauben, ist natürlich eine schöne, selbstbewusste Einstellung. Doch auch auf sich selbst ist nicht immer Verlass. Und es ist eigentlich auf niemanden Verlass, der von sich behauptet, ein Mensch zu sein. Ich für meinen Teil glaube an keinen Menschen. Allerdings ist das Wort "glauben" eine zweideutige Sache. Ich meine einfach damit, dass kein Mensch perfekt ist, wofür ich übrigens lange gebraucht hab, um das zu begreifen. Ich dachte einmal, es gibt ein paar Menschen auf dieser Welt, auf die man sich ganz und gar verlassen kann und die fast nie was falsch machen. Aber das stimmt nicht. Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Bei manchen tritt das eine mehr hervor, bei manchen das andere. Es gibt nur einen einzigen, auf den total Verlass ist, der einem immer ein Freund und Begleiter ist, wenn man nur will. Es ist jemand, der nie etwas Böses tun würde und das Schönste ist, dieser Mensch, der sich eigentlich nur zum Menschen erniedrigt hat, liebt ungebrochen. Er liebt uns Menschen immer, auch wenn er für uns leiden musste. Und er sieht mich in dem Wirrwarr von Milliarden Menschen und hört mir zu. Ich spreche natürlich von Jesus.

Aus Liebe zu uns hat er sich in unsere Mitte begeben und ist selbst einer dieses Volkes geworden, das immer gegen Gott sündigt. Und weil er selbst einmal Mensch war, kann er uns auch so gut verstehen. Er tritt für uns vor Gott ein, weil er weiß, wie schwer es ist, ohne Sünde zu bleiben, wenn man in dieser Welt lebt. In dem Augenblick, in dem Jesus Mensch wurde, trug er uns Gott ein Stück näher, weil Gott in ihm ist.

Viel Grund zur Dankbarkeit

Und so war die Brücke zwischen uns und Gott durch Christus selbst geschaffen. Denn er sagt: Keiner kommt zum Vater, außer durch mich. So glaube ich an Gott und danke und bete. Ich finde, dass Danken eine sehr wichtige Sache ist. Ich kann mir vorstellen, dass Gott auch gerne mal ein Dankeschön hört. Auch finde ich es wichtig, dass man in den Gebeten die vielen armen Menschen dieser Welt mitbedenkt und daran, wie gut wir es haben und wie wenig wir doch alles schätzen, was wir haben. Manchmal abends, wenn ich im Bett liege und darüber nachdenke, könnte ich fast heulen bei dem Gedanken, wie sehr man sich da schon wieder an Gott versündigt. Ich merke oft, dass ich mir nie genug Zeit für Gott nehme und bereue es oft. Aber Gott weiß auch ohne viele Gebete, was ich will und was ich fühle und wünsche.

Es ist manchmal nicht einfach, ein Christ zu sein. Ich würde mir auch nie anmaßen zu behaupten, dass ich ein guter Christ bin. Ich versuche, ein Christ zu sein. Und ich bin heilfroh, dass wir mit unseren Sünden zum Kreuz gehen können und dass der Herr, der für uns gestorben ist, uns vergibt.

Es ist manchmal schwierig zu glauben. Die Welt, die alles Ungeklärte wissenschaftlich erforscht und hinterfragt, ist schwer zu diesem Glauben zu bekehren. Man muss den Willen haben zu glauben und darf sich nicht alles wissenschaftlich beweisen lassen. Allerdings weiß ich manchmal nicht, was ich antworten soll, wenn jemand alles erklärt und bewiesen haben will.

Unser Gehirn ist zu klein

Ich sage dann immer: Es gibt Dinge, die kann man nicht erforschen, weil sie von solcher Größe sind, dass sie das kleine, menschliche Gehirn nicht erfassen kann. Genauso ist es oft schwer, Leuten, die keine Christen sind, unseren Glauben nahe zu bringen. Ich denke, es kommt ganz darauf an, wie man die Botschaft rüberbringt. Ich glaube, wenn man es mit wahrhaftigem Glauben erzählt und sich Geschichten aus der Bibel heraussucht, die zu der aktuellen Situation passen, dann wird keiner unberührt bleiben von dem Evangelium.

Ich wünsche mir, dass ich auch einmal beruflich den Menschen zeigen kann, wie lieb Gott uns hat. Denn ich möchte gerne uneingeschränkt glauben und dafür einstehen, auch wenn das nicht immer so einfach ist. Ich habe das Gefühl, dass ich mein Licht, das Gott mir gegeben hat, unter den Scheffel stellen würde, wenn es nicht in Gott brennt. Denn nur die Lichter strahlen und können mit ihrer Wärme die Finsternis erhellen, die ihr tiefstes Fundament in Gott haben."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 18 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 08.05.2005

Aktuelle Buchtipps