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Aus der Region

Die fast vergessene Synode

30 Jahre danach zogen Akteure von damals Bilanz

Die Meißner Synode

Von 1969 bis 1971 tagte in Dresden die Meißner Diözesansynode. 30 Jahre danach zogen Akteure von damals eine Bilanz dieses Ereignisses, dass hoffnungsvoll begann und in den Wirren innerkirchlicher Auseinandersetzungen versandete. Als sich am 13. Juni 1969 Bischof Otto Spülbeck, 78 Priester, neun Ordensfrauen und 61 Laien in der Dresdner Hofkirche versammelten, begann ein bedeutendes Ereignis in der DDR-Kirchengeschichte. 30 Jahre später ist es fast in Vergessenheit geraten: Weltweit war das Bistum Meißen (heute Dresden-Meißen) eines der ersten, das mit einer Diözesansynode die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils auf der Ebene der Ortskirche umsetzen wollte. Nach einem viel versprechenden Anfang wurde die Synode nach vier Sitzungsperioden 1971 beendet und in die Pastoralsynode der katholischen Kirche in der DDR (1973-1975) überführt, wie es offiziell hieß. Hauptgrund dafür waren innerkirchliche Auseinandersetzungen: Vor allem der damalige Berliner Kardinal Alfred Bengsch sah die Synode mehr als skeptisch. "Die Synode ist es wert, nicht vergessen zu werden", betont Dr. Peter-Paul Straube, Rektor des Bischof-Benno-Hauses in Schmochtitz. "Sie war der weltweit erste Versuch, die Beschlüsse des Konzils unter den Bedingungen einer Diktatur umzusetzen. Und sie war ein politisches Ereignis, weil sie eine Grundschule der Demokratie unter den Bedingungen des SED-Staates war." Um einen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten, fand Ende Oktober in Schmochtitz das Seminar "Zur politischen Bedeutung der Meißner Diözesansynode" statt. Gekommen waren dazu fast ausschließlich die damaligen Akteure, was von den Teilnehmern selbst bedauert wurde, denn die Sy_nodentexte seien nach wie vor aktuell und zumindest teilweise noch in Kraft und damit geltendes Diözesanrecht. Eine Rückschau auf den Ablauf der Synode unternahm deren damaliger Sekretär, Prälat Dieter Grande (Dresden). Das sei notwendig wegen der nach 30 Jahren auftretenden Gedächtnislücken und der inzwischen "umfangreichen Legendenbildung". Der Weg zur Sy_node begann bereits 1959, kurz nach dem Amtsantritt Spülbecks als Bischof von Meißen. Papst Johannes XXIII. hatte im januar dieses Jahres ein Konzil für die Weltkirche angekündigt. Das erinnerte Bischof Spülbeck an eine Vorschrift des damaligen Kirchenrechtes, die besagte, dass in der Bistümern aller zehn Jahre eine Synode abzuhalten sei. Als sich das Konzil 1965 seinem Ende näherte, kündigte er die Einberufung der Synode an. Anfang 1966 folgte ein Hirtenbrief mit der Aufforderung Anträge zu stellen. Innerhalb von neun Monaten gingen etwa 1000 Anträge ein. Bis zur Eröffnung der Synode war es dann doch noch ein Stück Weg, berichtete Grande: Verschiedene Kommissionen nahmen die Arbeit auf, entwarfen Texte. Zeitweise drohte sich das Vorhaben in der Vielzahl der Fragen, Themen, Texte und Kommissionen zu verheddern. Grande: "Wir waren sehr unerfahren und mussten alles erfinden." Bischof Spülbeck änderte schließlich die Strukturen und rettete damit das Vorhaben. Schwerpunkt der ersten beiden Sitzungen war das so genannte Generalschema "Ziele und Aufgaben des Bistums Meißen nach dem II. Vatikanischen Konzil". "Wir haben harte Auseinandersetzungen um dieses Dekret geführt", erinnert sich Grande. Für ihn ist es dabei eine der wichtigen positiven Erfahrung von damals, dass es trotz aller unterschiedlicher Haltungen und Differenzen niemals zu Polarisierungen gekommen sei. Das Generalschema wurde auf der zweiten Sitzung im Oktober 1969 mit 127 von 144 Stimmen verabschiedet. Die Synode hatte damit ein pastorales Programm geschaffen, das wesentlich vom Konzilsdokument "Gaudium et spes -Die Kirche in der Welt von heute" geprägt ist. Ein halbes Jahr später setzt der Bischof den Text in Kraft. Entgegen teilweise anders lautenden Behauptungen ist er auch heute noch gültig. Das Generalschema der Meißner Sy_node -das in den folgenden innerkirchlichen Auseinandersetzungen eine wesentliche Rolle spielte -trägt in weiten Teile die Handschrift des 1993 gestorbenen Leipziger Oratorianers Wolfgang Trilling. Grundlinien von Trillings Theologie erläuterte in Schmochtitz Clemens Rosner vom Leipziger Oratorium: Trilling sei es nicht um eine Kirchenreform gegangen, sondern um die Öffnung der Kirche. Kirche müsse allen Menschen Wege des Heils aufzeigen. Amt und Dienst, Freiheit und Autorität, Einheit in der Vielfalt, die Situation der Diasporakirche, Brüderlichkeit und Mitverantwortung waren Stichworte, die Trillings theologisches Denken prägten und die sich so auch im Generalschema finden. Vor allem am Stichwort "partnerschaftliche Mitverantwortung" entzündete sich die Kritik, stand dahinter doch ein gänzlich anderes Kirchenbild als das bis dahin vorherrschende. Der Synodentext sprach von der "Mitverantwortung der Laien" in der Kirche durch ihre Mitwirkung in den Räten. Dabei war Mitverantwortung bewusst gewählt worden -als Abgrenzung zwischen einer nur beratenden Funktion einerseits und Mitbestimmung andererseits. Die ablehnende Haltung von Kardinal Bengsch gegenüber der Synode hat hier einen ihrer Ansatzpunkte. Das Grundproblem bestand darin, dass Bengsch das Konzilsdokument "Gaudium et spes" ablehnte, berichtete Grande. Er war einer der wenigen Bischöfe, die auf dem Konzil gegen dieses Dokument gestimmt hatten. In einem Brief an Papst Paul VI. hatte er das begründet: Er fürchte angesichts einer zu starken Öffnung der Kirche gegenüber der modernen Welt um die Autorität des kirchlichen Lehramtes. Außerdem wies er auf die Möglichkeit des Missbrauchs von "Gaudium et spes" in den sozialistischen Ländern durch die staatliche Propaganda zum Schaden Kirche hin. Diese Bedenken und der Bericht eines Berliner Beobachters, der auch vor Problemen in der Beziehung zwischen Staat und Kirche in der DDR warnte, die von der Synode verursacht würden, führten dazu, dass der Berliner Kardinal, der auch Vorsitzender der Berliner Ordinarienkonferenz war, sich an den Vatikan wandte. Dort wurde man auch durch die Veröffentlichung des Generalschemas in einer westdeutschen Zeitschrift hellhörig. Kurze Zeit später erreichte Spülbeck ein Brief aus dem Vatikan, der von der Befürchtung sprach, die Synode würde ihre Befugnisse überschreiten. "Besonders erregt" hätte der Satz, der von der "Mitverantwortung der Laien" sprach, hieß es in dem Schreiben. Das Thema kam nun auch auf die Tagesordnung der Berliner Ordinarienkonferenz. Bischof Spülbeck -"Es brennt lichterloh!", sagte er im Kreis enger Mitarbeiter -bereitete sich auf die Verteidigung der Texte seiner Synode vor. Doch dazu kam es nicht mehr: Auf der Rückfahrt von einer Wallfahrt starb er am 21. Juni 1970 plötzlich an Herzversagen. Die Synode war inzwischen auch dem DDR-Staat ein Dorn im Auge, berichtete der Historiker Bernd Schäfer, der sich intensiv mit der Geschichte der katholischen Kirche in der DDR beschäftigt hat. Obwohl Versuche direkter Einflussnahme gering waren, schätzte der Staatsapparat das Generalschema als gefährlich ein. Schäfer: "Es gab reale Ängste vor einer attraktiven Kirche: Eine Modernisierung der Kirche könne zu einer größeren Massenwirksamkeit führen. Es war also durchaus nicht so, wie kirchlicherseits in Berlin befürchtet, dass die Synode dem Staat in die Hände spielen könnte." Nach der Beisetzung von Bischof Spülbeck trafen sich die ostdeutschen Bischöfe in Bautzen. Ein Vorschlag von Kardinal Bengsch führte dazu, dass die Synode bis zur Wahl des Nachfolgers nicht weiterarbeitete. Bereits drei Monate später wurde der damalige Görlitzer Bischof Gerhard Schaffran als neuer Bischof von Meißen eingeführt. Das geschah -so Bernd Schäfer -auf Vorschlag von Kardinal Bengsch. Gleich zwei Probleme sollten so gelöst werden: Zum einen wurde der Weg frei für die Neuordnung der polnischen Bistümer, denn das Görlitzer Gebiet war Teil des Erzbistums Breslau. Schäfer: "Die Hauptfrage war aber: Wie steht der neue Bischof zur Synode?" "Schaffran trat mit dem festen Willen an, sich den Klotz Synode nicht ans Bein zu binden", berichtete Prälat Grande. Schon bald wurde er aber bei seinen Besuchen in den Gemeinden immer wieder mit der Frage konfrontiert: Was wird aus der Synode? Der neue Bischof sah sich in einem Dilemma: Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Synode fortzusetzen. Es folgten noch zwei Sitzungen, um das Nötigste abzuarbeiten. Dann wurde die Meißner Synode in die DDR-Pastoralsynode überführt. Gebildet wurde noch eine Synodale Durchführungkommission. Grande: "Mit ihr verknüpften sich große Hoffnungen." Aber ihre Arbeit ist gescheitert. "Der Wille, die Dekrete umzusetzen, war nicht vorhanden." So lautet auch das Fazit des Vorsitzenden dieser Kommission, Propst Günter Hanisch, der seinen Bericht in Schmochtitz mit den Worten begann: "Es gehört zur Kirche, dass es ein Ringen um die Wahrheit gibt, und dass es dabei nicht immer mit fairen Mitteln zugeht." Einer der schlimmsten Vorwürfe gegen die Synode stammt dabei von Kardinal Bengsch selbst. Er soll die Sy_node als häretisch bezeichnet haben. Und dieses Wort geisterte überall herum. Hanisch berichtete, deshalb das Gespräch mit Bengsch gesucht zu haben. "Fünf Stunden haben wir diskutiert." Dann habe der Kardinal eingestanden: Ich habe das zwar gesagt, aber nicht so gemeint. Schließlich nahm er den Vorwurf zurück: Die Synode sei nicht häretisch, aber sie sei falsch. Auch die Aufgabe als Vorsitzender der Durchführungskommission, die übrigens bis heute nicht aufgelöst worden ist, war nicht einfach für Hanisch. In dem Dekret, mit dem Bischof Schaffran die Kommission errichtete, steht nichts von den Aufgaben. Immer wieder gab es Gespräche zwischen der Kommission und dem Bischof. "Es war ein ständiges Hin und Her. Wenige Dinge haben wir bewirkt und nach und nach ging uns die Luft aus", so das Fazit von Propst Hanisch. In der Folge wurden die Beschlüsse ignoriert und gerieten schließlich mehr oder weniger in Vergessenheit. Was bleibt? Prälat Grande: "Die Sy_node hat dazu geführt, dass sich in unserem Bistum ein Selbstbewusstsein entwickelt hat. Sie war eine Schule der Demokratie. Sie hat zu einer neuen Art der Zusammenarbeit zwischen Priestern, Laien und Bischof geführt. Auch wenn die Dekrete nicht umgesetzt wurden, ich möchte diese Jahre nicht missen. Der Prozess war die Sache wert." Und vielleicht -die Schmochtitzer Tagung blieb in diesem Punkt etwas im Ungenauen -kann ja in irgendeiner Weise an die Arbeit von damals angeknüpft werden, um sie für die Kirche von heute nutzbar zu machen. Matthias Holluba
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 50. Jahrgangs (im Jahr 2000).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 17.05.2005

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